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Prozess:Messerattacke auf Wiesn: Millionär bot 200 000 Euro für Falschaussage

  • Der Lebensgefährte von Melanie M., ein Hamburger Millionär, hat versucht, den Prozess mit einem gekauften Zeugen zu beeinflussen.
  • Der Zeuge sagte aus, dass ein Lastwagenfahrer vor dem Käfer-Zelt Melanie M. an den Schultern gepackt und ins Gesicht geschlagen habe.
  • Für die Falschaussage habe er einen Briefumschlag mit Unterlagen zum Fall M. erhalten, darin seien "alle Details" enthalten gewesen.

Von Christian Rost

Die nach einer Messer-Attacke auf dem Oktoberfest 2015 wegen versuchten Mordes angeklagte Melanie M. ist am Mittwoch im Saal des Münchner Schwurgerichts in Tränen aufgelöst. Gerade hat sie von ihren Anwälten erfahren, dass ihr Lebensgefährte, ein Hamburger Millionär, versucht hatte, ihren Prozess mit einem gekauften Zeugen zu beeinflussen. Ein unerhörter Vorgang. Deshalb bittet die 34-jährige M. den Vorsitzenden Richter Norbert Riedmann um das Wort und erklärt schluchzend: "Es tut mir unglaublich leid, was mein Mann gemacht hat. Ich wusste nichts davon."

Riedmann und seine Kollegen nehmen die Erklärung ohne jede Regung zur Kenntnis. Ohnehin dürfte sie in diesem Verfahren nichts mehr überraschen, nachdem der vermögende Immobilienkaufmann Detlef F., 63, mit viel Geld einen Freispruch für seine Freundin erzwingen wollte. Am Dienstag hatte ihn die Staatsanwaltschaft München I wegen Anstiftung zur uneidlichen Falschaussage festnehmen lassen. Um nicht auch noch in der Untersuchungshaft zu landen, legte er vor dem Haftrichter ein umfassendes Geständnis ab.

Ein Kriminalbeamter berichtete am Mittwoch dem Schwurgericht von dieser Aussage, derzufolge F. Anfang Juni vor seinem Wohnhaus in Hamburg von zwei unbekannten Männern angesprochen worden sei, die ihm zunächst ein Bild von Melanie M. gezeigt hätten. Dann meinten sie, so berichtete jedenfalls F., dass es einen Zeugen gebe, der das Geschehen auf dem Oktoberfest beobachtet habe. Es würde aber etwas kosten, damit der Zeuge aussage. Mehr als 100 000 Euro sollen die Männer verlangt haben. F. meinte, das Ganze sei ihm komisch vorgekommen, letztlich habe er sich aber darauf eingelassen.

Der gekaufte Zeuge kommt ebenfalls vor dem Schwurgericht zu Wort - und erzählt eine andere Geschichte. Diesmal erscheint der korpulente 31-Jährige in Gefängniskluft - er sitzt wegen seiner Falschaussage in U-Haft. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob er bei seiner ersten Aussage vor zwei Wochen die Wahrheit gesagt habe, antwortet Christian H. mit einem klaren "Nein".

Ein Brief mit einer vorgefertigten Zeugenaussage

Er hatte ausgesagt, dass ein Lastwagenfahrer vor dem Käfer-Zelt Melanie M. an den Schultern gepackt und ins Gesicht geschlagen habe. Damit stützte er die Version der Verteidigung, wonach M. in einem straffreien Notwehrexzess auf den Mann eingestochen habe. Das war alles frei erfunden. IT-Unternehmer H. war tatsächlich noch nie auf dem Oktoberfest. Alles, was er über die Wiesn weiß, hat er sich angelesen.

Ein Mann habe ihn auf Mallorca angesprochen und erzählt, dass Melanie M. ein Opfer der bayerischen Justiz sei und man ihr helfen müsse, so schildert es H. Er habe einen Briefumschlag mit Unterlagen zum Fall M. erhalten, darin seien "alle Details" enthalten gewesen - bis hin zu seiner vorgefertigten Zeugenaussage. Nachdem ihm 100 000 Euro angeboten worden waren und dieselbe Summe noch einmal, wenn Melanie M. aus der Untersuchungshaft entlassen werde, sagte H. zu.

Er lernte die Informationen auswendig und traf sich dann angeblich mit einem Mann in einem österreichischen Landgasthof. Dieser Mann sei ein "Vertrauter" von Detlef F. gewesen, sagt H. Zusammen sei man "alles noch mal durchgegangen". Dann meldete sich der vermeintliche Zeuge bei den Verteidigern von Melanie M. Die Anwälte flogen eigens in die Schweiz, wo H. lebt, um sich mit ihm zu besprechen. "Sie sahen keine Anhaltspunkte, dass ich nicht die Wahrheit sage", so der gekaufte Zeuge, der dann vor Gericht so offensichtlich log, dass ihn die Staatsanwaltschaft festnehmen ließ.

Nach den Geständnissen von Detlef F. und Christian H. ist nach wie vor ungeklärt, wer den Zeugenkauf letztlich eingefädelt hat. War es der Millionär, war es H. mit Komplizen oder waren es irgendwelche Kriminellen, die beide nur benutzt haben, um an Geld zu kommen? Wer immer es auch war, Melanie M. hat er keinen Gefallen getan.

© SZ vom 21.07.2016/dit

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