Singen in München Die eigene Spurensuche wurde zum Film

Dieser Zettel brachte den Filmstudenten auf die Idee zu einem Dokumentarfilm, eine Spurensuche, die ihn zunächst zurück in den Ruhrpott, dann nach Beirut führte. Dort traf er einen Mann, einen Arzt, den er als "biologischen Vater" ansieht, ohne einen medizinischen Beweis dafür zu wollen. "Du hast meine Augen", sagt der Mann im Film, "ich habe die Segelohren von dir", entgegnet Junker. Irritiert ihn das heute? Er schüttelt den Kopf: "Ich habe fünf Geschwister im Libanon dazugewonnen", sagt er. Dafür ist er dankbar.

Etliche Preise gewann Junker mit dem Dokumentarfilm "Alias", zwei Jahre tourte er damit von Festival zu Festival. Februar 2011 war er beim Filmfestival Damaskus. Er lernte eine Frau kennen, eine Tänzerin, die in der syrischen Opposition aktiv war. Kurze Zeit, nachdem er nach Hause abgereist war, begann in Syrien die Revolution. Bei einem ihrer Besuche in München erfuhr die Aktivistin nicht nur, dass sie aus Sicherheitsgründen nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren kann, sie war auch schwanger. Auf der Suche nach seinem Vater ist Junker selbst Vater geworden. Die Liebe war nicht auf Dauer. Jetzt pendelt er zwischen München und Berlin, wo sein Sohn wohnt. "Ich erwarte schon noch die ein oder andere Überraschung in meinem Leben", sagt Junker.

Über die Münchner Band Schicksalscombo kam Junker zum Münchner Kneipenchor - und somit auch zum Go Sing Choir. "Jens Junker ist für mich ein kreativer Visionär mit hohem Anspruch", sagt Mona Walch, Gründerin des Münchner Kneipenchors. "Er ist ein Perfektionist und Arbeitstier, und selbst als Mutter kleiner Kinder erstaunt es mich immer wieder, mit wie wenig Schlaf er über die Runden kommt."

Mittwochabend vor dem Auftritt. Junker steht in der Küche seiner Wohnung im Westend. An der Wand hängt ein Plakat des Go Sing Choirs, darauf klebt ein Fünf-Euro-Schein - ein älterer Herr hat diese Gage nach dem ersten Flashmob des Chors gezahlt. Junker trägt ein weites Sweatshirt, Jeans, zwei unterschiedliche Socken, links blau, rechts rot. Mit dem Gitarristen und Chor-Mitbegründer Ian Chapman stimmt er die Arrangements für den Auftritt am Sonntag ab. "The Scientist" ist eine Ballade. Am Anfang singt Coldplay-Sänger Chris Martin zu einer Klaviermelodie, erst nach und nach kommen Gitarre, Bass und Schlagzeug hinzu.

All das hat der Chor nicht - Junker und Chapman arrangieren den Song mit drei Gesangsstimmen, immer darum bemüht, es möglichst einfach zu halten, ohne das Lied zu versauen. Fünf Notenblätter liegen auf den Küchentisch, Ian Chapman steht mit einer Akustik-Gitarre davor, über einen Laptop wird "The Scientist" gespielt und Jens Junker dirigiert mehr oder weniger ins Leere. Eine junge Frau aus dem Haus gegenüber blickt von ihrem Smartphone auf, schaut aus dem Fenster und muss kurz grinsen. Es ist aber auch ein schönes Bild.

Der Chor ist Junkers Leben

Sonntagabend. Bereits um 18 Uhr reicht die Warteschlange bis zur U-Bahn-Station Poccistraße. Jens Junker sitzt hinter der Bühne, singt sich ein. Eine Stunde später ist der Club gesteckt voll. Einige sind regelmäßig beim Go Sing Choir zu Gast, andere haben bisher vielleicht nur unter der Dusche gesungen. Um 19 Uhr wird der Originalsong eingespielt, der Chor singt mit, muss sich aber von dieser Version erst mal verabschieden. Lockern, einsingen, in eine Tonart einordnen: Eine Gruppe ist für die Melodie verantwortlich, zwei Gruppen für die Harmonie - einmal für die hohen Töne, einmal für die tiefen. "Ihr habt nicht so viel Text", sagt Junker zu ihnen, "aber dafür eine große Verantwortung." Strophe für Strophe, Refrain für Refrain erarbeitet sich der Chor den Coldplay-Song, erst jede Stimmlage für sich, dann zusammen. Junker korrigiert, Junker motiviert. "Klasse, es läuft", sagt er und klatscht. "Wir hören es ja heute zum ersten Mal. Es ist schön, wenn man merkt, dass die Arrangements klappen."

Nach zweieinhalb Stunden zeigt Jens Junker seine Gänsehaut am Unterarm. Er klatscht und bedankt sich bei seinem Chor. 500 Sänger haben "The Scientist" gesungen - gefühlvoll, und doch dynamisch. Pius Neumaier hat die letzte Aufnahme für den Videofilm gemacht, Niklas Bühler hat den Ton dafür eingefangen. Ein großer Aufwand für einen Chorabend, selbst bei einem ausverkauften Club kommen keineswegs so hohe Einnahmen zusammen, um den hohen Einsatz zu entschädigen.

Mittlerweile werden sie für Teambildung gebucht. Im Sommer wurde Junker etwa vom Gasteig eingeladen - Betriebsausflug in die Berge. Auf einer Almwiese übte er mit den Angestellten einen Song von Nena ein: "Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann" - der Songtitel hat in Anbetracht des sich in die Ewigkeit ziehenden Gasteig-Umbaus gleich eine andere Bedeutung.

Der Chor ist mittlerweile sein Leben. Auch das Filmemachen. Sobald Junker Zeit hat, möchte er einen Episodenfilm über einen Chor drehen. Den Soundtrack dazu soll das Publikum direkt im Kinosaal singen. 90 Minuten soll der Film dauern, solange hat das Publikum Zeit, einen Song zu lernen. 90 Minuten? Das schafft Jens Junker.

"Imagine" von John Lennon singt der Go Sing Choir am Sonntag, 24. Februar, vor dem Gasteig. Von 10 Uhr an wird die Friedensnummer vor dem Carl-Orff-Saal einstudiert und später vor dem Schriftzug #munich4EUROPE aufgeführt. Der Eintritt ist frei.

Kultur in München Die Münchner wollen singen

Chöre

Die Münchner wollen singen

Und zwar so dringend, dass mancher Kneipen- und Spaß-Chor kaum mehr Mitglieder aufnehmen kann. Wir stellen vier junge Münchner Chöre vor.   Von Michael Zirnstein, Bernhard Blöchl und Cindy Riechau