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Pop:Inseln im Klanghimmel

Alligator

Klaus Erich Dietl (liegend) und Stephanie Müller (hinten links) sind aktuell das Herz des Band-Kollektivs.

(Foto: Victor Veress)

Stephanie Müller und Laura Theis haben das Münchner Projekt "Alligator Gozaimasu" initiiert. Weltweit mehr als 60 Künstler speisen ihre Sounds ein, aus denen experimentelle Stücke entstehen

Von Jürgen Moises

Als vor vier Jahren das Debütalbum von Alligator Gozaimasu herauskam, war der Vinylversion ein Mundschutz beigelegt. Dieser war mit rosafarbenen Zähnen bedruckt oder bemalt, was darauf hindeutet, dass er ursprünglich für den Einsatz in einer Zahnarztpraxis gedacht war. Nichtsdestotrotz wollen wir hier jetzt mal behaupten: Das war schon sehr prophetisch. Den im vergangenen Juli und August erschienenen Nachfolgealben "Solange Bunte Balken Durchlaufen - Episode #1 und 2" lag nichts mehr dergleichen bei. Das aber einfach aus dem Grund, dass beide nicht gepresst als Schallplatte, sondern nur digital erhältlich sind. Dafür sind beide nun in der Tat Corona-Alben. Das heißt, dass sie während der Pandemie produziert und veröffentlicht wurden.

Und es wird noch mehr davon geben. Bis zum Jahresende ist nämlich für jeden Monat eine weitere Episode von "Solange Bunte Balken Durchlaufen" auf Bandcamp geplant. Eine verrückte Idee? Vielleicht. Auf jeden Fall eine sehr ambitionierte. Und ein Projekt, das in vielerlei Hinsicht die gewohnten musikalischen Dimensionen sprengt. Alligator Gozaimasu, das sind Stephanie Müller und Laura Theis alias Beißpony aus München, Klaus Erich Dietl aus Berlin, und dann noch etwa 60 Musiker und Künstler aus Salzburg, Zürich, Phoenix, Istanbul, Dakar, Ivano Frankivsk, Rom, Tokyo und weiteren Orten. Entstanden ist das Ganze im Jahr 2014 und dann immer mehr gewachsen. Und auch aktuell sind alle "Sound Lovers" herzlich eingeladen, sich an Alligator Gozaimasu zu beteiligen. Mal sehen, ob es irgendwann die Hunderter-Marke sprengt.

Wobei beitreten bedeutet: Lieder, Melodien, Klangfragmente oder einfach nur Stimmen oder Geräusche digital an Stephanie Müller zu schicken, auf deren extra dafür gegründetem Label RagRec das Debütalbum erschien. Genauso sind auch die bisherigen Alben entstanden: Als Patchwork aus unzähligen Klängen und Stimmen. Was nicht nur in der Theorie sehr experimentell klingt. Nein, auch als faktischer Hörer sollte man weit offene Ohren mitbringen. Elektronik, Art-Pop, Klangkunst, Noise, Trash, Jazz, Hörspiel. Das geht hier alles recht wild durcheinander, aber dann auch nicht so strukturlos kakofonisch, wie jetzt mancher vielleicht denkt. Denn es gibt auf allen Alben sogar Songs. Und die wurden nicht von sechzig, sondern jeweils zwei bis etwa zehn Künstlern geschaffen.

Das heißt: In diesem weltweit verästelten Klangkosmos haben sich durch Mail- oder Telefonaustausch Inseln gebildet. Stephanie Müller und weitere Münchner Künstler wie Colin Djukic, Martin Krejci, Thomas Glatz oder Anton Kaun haben sich jeweils für ein Stück mit anderen "Sound Lovers" zusammengetan. Das Ergebnis ist auf "Solange Bunte Balken Durchlaufen #2" im Falle von "Not tonight" ein Instrumentalstück, das vom Beat an Hip-Hop oder eher an dessen düstere Unterart Grime erinnert. "Frankenstein goes back to his home quickly with three dogs" bewegt sich irgendwo zwischen sphärischem Experimentalpop und Choral. Und "Askew" ist ein ebenfalls leicht bedrohlich klingendes, metallisches Elektronikstück.

In "How to kiss a shiver" herrscht eine gehauchte Geisteratmosphäre, in "Double Sky Coma" baut sich ebenfalls eine metallische Bedrohung auf und in "Versicherungsmensch" prallen Blues und Ariengesang aufeinander. Rockig wird es auch kurz, in "Pollen vs. Nice Car". Dazu gibt es piepsigen Gesang von Cup & Saucers alias Miyuki Mori und Mari Watanabe. Und im schräg verholperten "Retoure" am Schluss treffen Trompeten-, Flöten- und andere Samples auf Elektrobeats. Die "verschiedenen Tempi und Stimmungen ihres Gruppenprozesses" zu dokumentieren, das ist laut Stephanie Müller eine der zentralen Ideen hinter den "Bunten Balken". Womit übrigens diejenigen gemeint sind, die man beim Laden ober Bearbeiten von Video- oder Audio-Daten sieht.

Höchst interessant ist jedenfalls, wie sich die Stimmung bereits vom ersten zum zweiten Album verändert hat. Letzteres klingt tatsächlich düsterer, melancholischer, "gespenstischer" als die exaltiertere, verspieltere und bunter instrumentierte erste Episode. Der Einfluss von Corona? Man darf jedenfalls gespannt sein, wie sich das Projekt entwickelt, dessen Einnahmen übrigens komplett an Sea Watch gehen. Zwei neue Entwicklungen gibt es in der Tat auch schon. So gab es beim "Außen:welt"-Festival im Prinzregentenbad am 13. September eine Loop-Installation mit Alligator-Gozaimasu-Songs. Und am 14. Oktober spielt ein "kleiner Alligator-Gozaimasu-Splitter" live im Kösk.

Die Episoden #1 und #2 von "So lange bunte Balken durchlaufen" sind unter alligatorgozaimasu.bandcamp.com zu finden.

© SZ vom 18.09.2020

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