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Pop:Formenspiel

Saroos

Max Punktezahl, Florian Zimmer und Christoph Brandner (von links) sind verspielt unterwegs zwischen Kraut-Rock, Afrika und Orient.

(Foto: More Music Distribution)

"Saroos" veröffentlichen ein neues Album

Von Jürgen Moises

Als Saroos ihr neues Album "Olu" aufnahmen, war von Ausgangssperren und -beschränkungen noch längst nicht die Rede. Auch nicht, als es am 6. März beim Weilheimer Alien-Transistor-Label von Markus und Micha Acher herauskam. Trotzdem oder gerade deswegen erschreckt es einen doch, dass das erste Stück auf "Olu" den Titel "Quarantaine", trägt. Das ist natürlich reiner Zufall, darf man annehmen. Aber irgendwie war die Kunst da mal wieder der Realität ein Stück voraus. Auch sonst klingt auf dem fünften Werk des Berlin-Münchner Instrumental-Trios, das aus Florian Zimmer, Christoph Brandner und Max Punktezahl besteht, so Einiges futuristisch, das heißt: per Regler, Knopf- oder Tastendruck von gestern oder heute in die Zukunft gebeamt.

Keyboard, Computer, Modular-Synthesizer, Sampler, Bass, Schlagzeug und Percussion. Das ist das Instrumentarium der Musiker, die man auch von Projekten wie The Notwist, Jersey und Contriva (Punktezahl), Console und Lali Puna (Brandner) oder Iso68 und Driftmachine (Zimmer) kennt. Stilistisch haben sie ihre Wurzeln im Kraut- oder im Post-Rock, auch Elektronica und Indiepop könnte man das nennen. Aber für einen einzelnen Begriff tun sich da zu viele Schubladen auf. So sind auch weltmusikalische, sprich afrikanische und orientalische Einflüsse vorhanden. Etwa in der "Looney Suite Serenade", wo eine verzerrte, vor sich hin mäandernde Gitarren- oder Keyboard-Melodie von einer (so klingt es jedenfalls) Darbuka-Trommel unterlegt ist. Oder in "Cord Burn (Pt. 1 - 3)", wo arabische Melodien elektronisch paraphrasiert werden.

Auch der Albumtitel weist in Richtung Afrika. Denn "Olu" ist ein häufiger Vorname bei den westafrikanischen Yoruba, als Kurzform von "Oluwa", was "Gott", "Gottheit" oder "Herr" bedeuten kann. Anderes wie "24hr Love Gumbo" führt von der Anmutung her eher in die Disco, "Toy Driver" liefert luftig klirrenden Ambientsound. Das erwähnte "Quarantaine" lässt wiederum an Trip-Hop denken, mit seinem verschachtelten Rhythmus und sinuskurvigen Auf und Ab. Ähnliches gilt für "Humdrum Rolloff" mit sphärischem Keyboard und einer im Echohall verfangenen Frauenstimme. "Tomorrows Kudos" bietet atmos-phärisch aufgeschäumten Synthiepop, bei "Gros Malin" hört man ein Spinett, und bei "Whirlgig" geht es mit gesampelten Karusselltönen auf den Rummel, aufs Oktoberfest. Aber das in einer eher geisterhaften, leicht verrauschten Stimmung.

Insgesamt 16 Stücke sind auf "Olu". Nur zwei davon sind länger als drei Minuten lang. Alles andere sind verspielte, vielschichtige Klangminiaturen, mit vielen schillernden Details, in die man sich trotz der Kürze lange Zeit vertiefen kann. Man kann sich dem freien Formenspiel aber auch einfach hingeben, schauen und hören, wo es einen hintreibt. Der Gesamteindruck ist der einer Collage, passend zum Cover, das ein abstraktes Motiv zeigt, gebildet aus gepunkteten Mustern und anderen Versatzstücken (das in der Mitte könnte ein Roboter sein). Im Vergleich zu früheren Alben wirkt das Ganze jedenfalls weniger konzeptuell oder geschlossen.

Und tatsächlich sprechen die Musiker auch von einem "Mix-Tape", von spontanen "Aufnahmen aus der Hüfte", die sich sofort richtig anfühlten. Man könnte auch sagen: Eine bunte Spielzeug- und Ideenbox, an der man als Hörer ebenfalls seinen Spaß hat.

© SZ vom 17.04.2020
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