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Pop:Bilder aus einem vergangenen Leben

Das Duo "2Raumwohnung" mit dem Münchner Tommi Eckart feiert 20 Jahre Bestehen mit neuen Songs und einem Buch

"Was ist los mit der Welt / Will sie untergehen / Das wär grad kein guter Zeitpunkt / Ich muss hier noch so viel verstehen." Diese Zeilen haben 2Raumwohnung jüngst auf Facebook in die infizierte Welt geschickt. Könnte ihr Reim auf die Corona-Apokalypse sein, stammt aber aus dem Song "Das Herz irrt nie" von 2017. In der Liedkunst erscheint vieles zeitlos, wobei Zeitlosigkeit von Beliebigkeit und Belanglosigkeit zu unterscheiden wäre und die Kunst oft darin besteht, die Grenzen dazwischen zu verwischen. Prima beherrschen das 2Raumwohnung, und das seit nun 20 Jahren. Wer so lange durchhält, darf sich zu Festtagen als Klassiker feiern lassen, im Fall von Inga Humpe, 64, und Tommi Eckart, 57, als die "wichtigsten Protagonisten des deutschsprachigen Elektropop". Andere haben das "esoterische Kinderdisco" genannt, und das eigentliche Phänomenale an dem alterslos klingenden und aussehenden DJ-Songwriter-Pärchen ist ja auch seine ewige Jugend.

2raumwohnung

Altersloses Electro-Pop-Duo: Inga Humpe und Tommi Eckart.

(Foto: Cjulija Goyd)

Wobei es ein Zeichen von Altersschwäche sein kann, dass die sonst so sprudelnden 2Raumwohnung zum runden Geburtstag - also 20 Jahre, nachdem sie unter diesem Pseudonym für die ostdeutsche Zigarettenmarke Cabinet das Reklamelied "Wir trafen uns in einem Garten" zwitscherten, und drei Jahre nach der Studioplatte "Tag und Nacht" - kein neues Album haben. Für Legenden reicht es eben zu Platz 2 in den iTunes-Pop-Charts, wenn sie lüsternen Oldies von "36 Grad" über "Ich und Elaine" bis "Sexy Girl" zusammenzupacken, inklusive Remixes, etwa Paul Kalkbrenners Valium-Version von "Wir werden sehen".

Immerhin zwei neue Stücke gibt es, die wieder etwas endlos Gültiges aufwühlen in dieser Zeit der Langeweile und des Siechtums. "So ein ganz normaler Tag vergeht / genauso wie ein Tag / an dem es uns hier aus den Fugen raushaut / Jedes Ding und wir / Sind schon immer Staub", säuselt Humpe bei aller Untergangsstimmung gelassen, weil sie als Romantikerin eben doch das Gegenmittel kennt: "Es ist Liebe und viel mehr." Dazu im Video von "Hier sind wir alle" Bilder, die wie aus einem vergangenen Leben scheinen, aber wie der Song nur ein paar Monate alt sind: Hippe Menschen, darunter die Pop-Grande-Dame selbst, drängen sich Po an Po, Schnute an Schnute durch dampfige Räume. Eine WG? Ein Club? In Berlin ist das dasselbe. Wie einem brav seiner angeschickerten Mama zu Hause nicht auf den Keks gehenden Sohnemann streichelt sie ihrem auf einem Sofa wartenden Lebensgefährten Tommi am Ende den Strubbelkopf. Beim Festakt geht es wie immer mehr um sie. Dabei hätte Eckart einiges zu erzählen, gerade den Münchnern bei seinem auf 19. September verschobenen Heimspiel in der Muffathalle: Wie er in Ramersdorf aufwuchs, in Jugendzentren wie dem Milb mit Die Alternativen Arschlöcher härter als Punk sein wollte und auch mal Kuhaugen mit dem Tennisschläger ins Publikum schlotzte, hier später mit Andreas Dorau, Lorenz Schröter und Wolfgang Flatz sein kunstvolles Unwesen trieb und überhaupt die Achtziger in München mochte. Immerhin das Album "Lasso" haben sie nach dem Münchner Renaissance-Komponisten Orlando di Lasso benannt, ansonsten ist im 2Raum alles Berlin.

Oder etwa nicht? In einem Buch zum 20-Jährigen (KiWi) nimmt Humpe den Leser auf immerhin sechs extrahart selbstverfassten Seiten mit in die Habichtstraße eines Kaffs bei Hannover, in dessen Enge sie zwischen Kotzen, Wellensittich und Selbstmordgedanken beschloss, Terroristin zu werden. Das freilich ging nur in Berlin. Und dort tummelt sich auch die Star-Textcollagistin Helene Hegemann bei den folgenden 40 Zeilen Lob-Humpelei. Das macht die Junge so prima, dass alle, die 2Raumwohnung für Charlottenburg-Schlager halten, sehen, wie viel NDW, Punk, Techno und London (das britische Berlin) darin stecken. Und wie viel Abkapselung nötig war, um sich mit 70 so schlichtschönen Lyrics über die abscheuliche Welt hinwegzutrösten. Auch wenn Humpe für ihre Texte 2018 mit dem Fred-Jay-Lieddichterpreis der Gema geehrt wurde, sämtlich abgedruckt im hinteren Teil des Buchens bezeugen sie wieder nur, dass Pop-Poesie ohne Musik meist verhallt. Dass sie den richtigen Moment braucht, wie das andere neue Stück, wie geschaffen für die, aber vor der Corona-Krise: "Das ist nicht das Ende Baby / weil alles neu beginnt."

© SZ vom 07.04.2020

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