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Polizeipräsidium:Münchner Polizei sucht die "Super-Recogniser"

  • In einem von der University of Greenwich entwickelten Online-Test will das Polizeipräsidium München "Super-Recogniser" in den eigenen Reihen entdecken.
  • "Super-Recogniser" sind Menschen mit einer besonderer Veranlagung, Gesichter wiederzuerkennen, die sie nur einmal gesehen haben.
  • Als Vorbild dient dabei die Londoner Polizei, die diese Fähigkeit erfolgreich bei Fahndungen nutzt.

Von Martin Bernstein

Sie sehen etwas, was andere nicht sehen. Sie schlagen jeden Computer um Längen. Ihre Fehlerquote ist minimal. Und oft wissen sie selbst nicht einmal, dass sie diese Fähigkeit haben: Sie sind "Super-Recogniser". Menschen mit einer besonderen Veranlagung, Gesichter wiederzuerkennen, die sie einmal gesehen haben - sei es als persönliches Gegenüber, sei es als Lichtbild. "Jeder von uns könnte ein Super-Recogniser sein", glaubt man im Polizeipräsidium und fordert die Münchner Polizistinnen und Polizisten auf, einen Test zu machen, den die University of Greenwich eigens dafür erarbeitet hat. Die Londoner Polizei setzt die Spüraugen schon lange ein. Jetzt will auch die Münchner Polizei neue Wege gehen und sich das irre gute Erinnerungsvermögen von Beamten zu Nutze machen - etwa um Straftäter in Menschenmengen zu erkennen, bei Einlasskontrollen aufs Oktoberfest, in Fußballstadien oder bei der Taschendiebfahndung.

Es gibt sie auch in München. Polizisten, die ein besonders gutes Auge für "ihre Kundschaft" haben. Erst am Donnerstag berichtete das Präsidium von so einem Fall. Ein 18-Jähriger, der zusammen mit drei Kumpanen einen Taxifahrer bedroht und beklaut hatte, war dabei von Überwachungskameras einer Tiefgarage gefilmt worden. "Am selben Tag erkannte ein Kriminalbeamter des zuständigen Fachkommissariats diesen Schüler am U-Bahnhof Rotkreuzplatz wieder", hieß es dazu lapidar im Polizeibericht. Zufall? Oder ist der Kriminalbeamte mit dem guten Auge ein Super-Recogniser? Ein Online-Test der Polizei, der laut der internen Zeitschrift Ettstraße vier Wochen lang freigeschaltet ist, soll derzeit Hinweise darauf geben. "In einigen von Ihnen schlummert eine besondere Fähigkeit, die nur darauf wartet, entdeckt zu werden", umwirbt Polizeipräsident Hubertus Andrä seine Beamten.

Polizisten, die sich freiwillig am Test beteiligen, können seit Dezember in fünf bis zehn Minuten 14 Aufgaben lösen. Kurzzeit- wie Langzeitgedächtnis für Gesichter werden geprüft, dazu gibt es einen Gesichtsabgleich. Die britischen Forscher wählen anhand der Ergebnisse dann anonymisiert die Kandidaten aus, die sich Ende April einem weiteren Test unter erschwerten Bedingungen im EDV-Lehrsaal des Polizeipräsidiums stellen können. "Zusätzlich gibt es noch einen Test, bei dem in einer Videoaufzeichnung ein Gesicht in einer großen Menschenmenge entdeckt werden muss", heißt es aus der im August gegründeten 19-köpfigen Projektgruppe im Polizeipräsidium.

Die menschlichen Gesichtsscanner, die so viel effektiver arbeiten als jede Software, waren in München sogar schon im Einsatz. Freilich nur zu Demonstrationszwecken. Beamte der Londoner Metropolitan Police zeigten ihren Kollegen, was Super-Recogniser können. Sie begleiteten Taschendiebfahnder über die Wiesn, besichtigten die Fröttmaninger Arena - und sie sollten am Wiesn-Eingang 18 zivil gekleidete Beamte erkennen, die sich unter die Oktoberfest-Besucher gemischt und von denen sie zuvor nur Fotos gesehen hatten. Ergebnis: Die Londoner Adleraugen erkannten alle Testpersonen bei der Eingangskontrolle wieder, die Hälfte von ihnen sogar schon beim ersten Versuch.

Forscher der Universitäten Harvard und Greenwich haben bereits vor knapp zehn Jahren herausgefunden, dass es neben Menschen mit "Gesichtsblindheit" - sie können sich Gesichter anderer Personen einfach nicht merken - auch das Pendant gibt: Menschen, die Gesichter besonders gut erkennen können. Bei der Londoner Polizei bewahrheitete es sich nach den "London Riots" genannten Unruhen von 2011. Mehr als 200 000 Stunden Videomaterial hatten die Ermittler, doch die damals beste Software zur Gesichtserkennung konnte gerade einmal eine einzige Person identifizieren. Einigen wenigen Beamten gelang es dagegen, 1300 Tatverdächtige wiederzuerkennen. Police Constable Gary Collins habe allein etwa 180 Tatverdächtige identifiziert, berichtet die Münchner Polizei.

Die etwa 140 Londoner Super-Recogniser arbeiten in ihren ursprünglichen Dienststellen. Sie entdecken Menschen, die sie aus persönlichen Begegnungen kennen, auf Fotos schnell wieder. Drei Polizeibeamte arbeiten in einer Sondereinheit, bei der sie Menschen, deren Gesichter sie nur von Fotos kennen, auf Videos sofort ausmachen. 2000 Personen hat diese Sondereinheit in den vergangenen fünf Jahren identifiziert - bei einer Fehlerquote von gerade einmal zwölf Prozent. Spannend, fanden die Verantwortlichen im Münchner Polizeipräsidium und im Bayerischen Landeskriminalamt. Sie flogen nach London, um mehr über die Arbeit ihrer britischen Kollegen zu erfahren.

An der Ettstraße ist man sich der unterschiedlichen Rahmenbedingungen durchaus bewusst: die niedrige Kriminalitätsrate in München und die im Vergleich zu London geringe Dichte an Videokameras - die Polizei selbst betreibt Kameras nur am Sendlinger Tor, am Marienplatz, am Stachus, am Hauptbahnhof und auf dem Oktoberfest. Dennoch hält man auch in München die Idee, mit Super-Recognisern auf Verbrecherjagd zu gehen, für "vielversprechend".

Vielleicht werden also schon Ende des Jahres in den beiden Münchner Fußballstadien oder auf der Theresienwiese manche Beamte noch genauer hinschauen als ihre Kollegen. Weil sie noch mehr sehen.

© SZ vom 17.02.2018/huy
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