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Pinakothek der Moderne:Die Magie des Materials

Holz, Keramik, Titan, Stroh: Die Ausstellung zum Danner-Preis 2020 in der Pinakothek der Moderne zeigt die Vielfalt des Kunsthandwerks.

Von Ira Mazzoni

Es geht ein Leuchten von dem Sonderausstellungsraum im Erdgeschoss der Pinakothek der Moderne aus. Bis in die Rotunde, die derzeit von der dräuenden Installation "Howl" von Anish Kapoor verdunkelt wird, reichen die strahlend orangen und roten Reflexe der Ausstellungsarchitektur, die ausgewählte und prämierte Objekte des diesjährigen Danner-Preises ins beste Licht rückt. Fünf Meter hohe Wandkörper und himbeerrote Ausstellungstische gliedern den weißen Allraum so, dass meterhohe Keramikgefäße genauso zur Geltung kommen wie filigranstes Flechtwerk. Der Szenografin Isolde Bazlen gelingt es, jedem Stück einen eigenen Wirkungsraum zu geben und gleichzeitig Perspektiven offenzuhalten. Selbst die rot-emaillierte Brosche der diesjährigen Danner-Preisträgerin Bettina Dittlmann bekommt durch die Farben des Künstlers Enno Lehmann zusätzlich befeuerndes Tiefenlicht.

Zum 100-jährigen Bestehen der Danner-Stiftung ist die Präsentation der Danner-Preisträger und weiterer, ausgewählter Wettbewerbsteilnehmer nicht nur besonders inszeniert, sondern auch inhaltlich bedeutend angereichert. In Wandvitrinen werden die sublimen Jugendstil-Ketten und Nadeln von Hof-Goldschmied Karl Rothmüller vorgestellt, der 1920 die Danner-Stiftung anregte (siehe Kasten). Mit historischen Abbildungen wird auf die Anfänge der Danner-Sammlung für "hervorragende Arbeiten aus bayerischen Werkstätten" verwiesen. Zwischen die ausgewählten aktuellen Werke bayerischen Kunsthandwerks sind vereinzelt Vitrinen mit dunkelgrauem Tableau gestellt, die Highlights der Danner-Sammlung präsentieren, die die Stiftung spezialisierten Museen als Leihgaben zur Verfügung stellt.

Besonders leuchtet dabei der goldene mit gemuggelten Edelsteinen und Emaille besetzte Entwurf einer Tabernakeltür von Hermann Jünger hervor, der erstmals 1958 auf der Weltausstellung in Brüssel stellvertretend für die Qualität bayerischen Kunsthandwerks der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Großartig auch die Silberkanne von Henning Koppel. Nahe am Eingang wird der Besucher von einer ovalen Stapeldose in den Bann gezogen: Die Klarheit der Form, die Präzision der Fertigung aus Ate-Holz, Urushilack und Zinn, gibt dem Stück von Kado Isaburo, Kraft und Ruhe. Idealerweise gehört die Arbeit seit 2013 als Dauerleihgabe zum Design Museum Neue Sammlung.

Christiane Englsberger 
Kopfschmuck „We Are Golden“, 2018, Stroh, gespalten, geformt, montiert, 
Dm. 17 cm, L. 65 cm

Christiane Engelsberger flicht filigranen Strohkopfschmuck.

(Foto: Danner-Stiftung / Eva Jünger)

Seit 1984 verleiht die Stiftung den Danner-Preis zur Förderung neuer gestalterischer Ideen und Entwicklungen im Kunsthandwerk. Der Preis wird alle drei Jahre an jeweils einem anderen Ort vergeben. Dieses Jahr zum 13. Mal und erstmalig in der Pinakothek der Moderne. Dabei wird mit der Präsentation der besonders engen Beziehung zwischen der Neuen Sammlung und der Danner-Stiftung Ausdruck verliehen. 200 Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerker hatten sich um den Danner-Preis 2020 beworben, der im Jubiläumsjahr der Stiftung mit 20 000 Euro dotiert war.

Die hochkarätig besetzte Jury hat der Schmuckkünstlerin Bettina Dittlmann den Preis zuerkannt. Einer der vier Ehrenpreise gingen an den Schmied Otto Baier, der in der seit 1486 bestehenden Schmiede in Obermenzing halbkugelige Objekte aus Titan gefertigt hat. Die Arbeiten "Stromboli" und "Vulkano" veranschaulichen die merkwürdigen Eigenschaften des Metalls, das bei 400 Grad Celsius plastisch verformbar ist, auf eindrucksvolle Weise. Peter Bauhuis wurde mit einer hinreißenden Laudatio von Tulga Beyerle, der Leiterin des Museums für Angewandte Kunst in Hamburg, für seine im Simultanguss hergestellten "Ketten und Blumen" ausgezeichnet. Der dritte Ehrenpreis ging an die Keramikerin Petra Bittl, die mit den hohen figurähnlichen Gefäßen "Paar" und "Wintergestalt" ihre Meisterschaft zeigte, verschiedenfarbigem Ton mit Porzellaninlays zu stofflich flirrender Gestalt zu verhelfen. Nicht zum ersten Mal wurde der Gold- und Silberschmied Paul Müller ausgezeichnet. Seine Edelstahl-Leuchter für "stille Feste" können in der geometrischen Tradition eines Rudolf Bott gesehen werden, wobei die Stahlprofile dank neuer Schneidetechnik optisch so filigran wie Bleistiftzeichnungen im Raum stehen.

Neben den Objekten der fünf Preisträger präsentiert die Ausstellung 33 von der Jury ausgewählte Arbeiten der Mitbewerber. Es ist fast jeder Werkstoff dabei: Holz, Keramik, Glas und Metall. In der Vielfalt des Gezeigten gibt es überraschende Ausnahmeerscheinungen: Da sind zum einen die frei geschnitzten Lindenholztableaus "Feld" und "Stallung" von Martin Kargruber, die in ihrem lakonischen Realismus den Dreißigerjahre-Fotografien von Walker Evans und Dorothea Lange sehr verwandt scheinen. Und da ist der filigrane, arabeske Strohkopfschmuck von Christiane Englsberger, der zeigt, dass das fast vergessene Handwerk des Flechtens und Umgarnens zauberhaft Blüten treiben kann. Welch eine Alternative zu sonstigen Braut- und Jungfern- Diademen!

Ausstellung Danner-Preis 2020 - 100 Jahre Danner-Stiftung bis 17. Januar 2021, präsentiert durch Die Neue Sammlung in der Pinakothek der Moderne. Der Ausstellungskatalog wird, aufgrund von Terminverschiebungen während der Pandemie, erst zum Ende des Jubiläumsjahres vorliegen.

© SZ vom 16.10.2020

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