Pasing:Therese frühstückt bei Tiffany

Beim Fotoprojekt "Frischer Wind in schweren Zeiten" des Alfons-Hoffmann-Hauses haben mehr als 200 Personen mitgewirkt und insgesamt 193 Plattencover nachgestellt. Die Bilder der Models, meist Seniorinnen und Senioren, begeistern auch prominente Vorbilder

Von Lea Hruschka, Pasing

Therese Enzmann sitzt entspannt im Gartenstuhl und lauscht der Musik - mal Rock, mal Pop, mal Schlager. Sie trägt an diesem Nachmittag eine Spange im grauen Haar - auf dem Plattencover, das an den zwei Fernseh-Bildschirmen vor ihr gezeigt wird, ist sie dagegen mit schwarzem Haarnetz auf dem Kopf zu sehen. Als Audrey Hepburn verkleidet hat die Seniorin das Cover zu "Breakfast at Tiffany's" nachgestellt. "Ich bin für jeden Spaß zu haben!", sagt sie und lacht. Als eine von mehr als 200 Personen hat Enzmann beim Fotoprojekt "Frischer Wind in schweren Zeiten" des Alfons-Hoffmann-Hauses an der Agnes-Bernauer-Straße 165 mitgewirkt, dessen Ausstellung an diesem Nachmittag mit einer Vernissage im Außenbereich des Heims für Senioren und MS-Kranke eröffnet worden ist. Besucher können von nun an für unbestimmte Zeit die 193 nachgestellten Plattencover bestaunen. Sie sind zusammen mit den Originalen, die zum Vergleich immer klein in einer Ecke des Fotos gezeigt werden, im ganzen Haus verteilt aufgehängt, sogar im Garten. "Ich häng' im Baum", meint Brigitte Fickert, die neben Therese Enzmann im Schatten eines Sonnenschirms sitzt. Sie zeigt dabei zwischen den beiden Bildschirmen hindurch auf einen Baumstamm. Dort ist das Cover des Songs "Ich gehör' zu dir" von Rosanna Rocci und Michael Morgan befestigt. Doch auf dem eingerahmten Bild ist statt Rocci Brigitte Fickert, statt Morgan ihr Ehemann Franz Fickert zu sehen. Das Ehepaar, das den Songtitel zu "Wir gehören zusammen (seit 56 Jahren)" geändert hat, ist vor drei Wochen Modell gestanden. "Der Fotograf meinte: Mal so hinstellen, mal so hinstellen, und schon waren wir fertig", berichtet die Seniorin vom zügigen Shooting.

Der Fotograf, von dem sie erzählt, ist Sven Grimpe. Eigentlich ist dieser für Ausbildung, Marketing und Beratung des Alfons-Hoffmann-Hauses zuständig, doch seit September vergangenen Jahres verbringt der Initiator des Fotoprojekts seine Zeit zusätzlich mit Bildbearbeitung: "Für das schnellste Cover habe ich zehn Minuten gebraucht, für das längste fünf Stunden." Denn der Aufwand, den Protagonisten der Fotos auszuschneiden, den passenden Hintergrund einzufügen oder einen treffenden Schriftzug zu finden, war bei jedem Cover unterschiedlich groß und immer eine neue Herausforderung. Die Idee zum Covern von Covern habe er eigentlich geklaut, gibt er zu. Im August 2020 hat er einen Fernseh-Beitrag über ein Thüringer Seniorenheim gesehen, welches das Plattencover-Projekt umgesetzt hatte. "Ich dachte mir: Das kriegen wir auch hin", sagt Grimpe. Ab September hat er also ein- bis sechsmal pro Tag auf den Auslöser gedrückt, wenn Bewohner, Mitarbeiter, externe Hausärzte und Fußpfleger, Angehörige oder sogar die französische Bulldogge einer Mitarbeiterin vor der Kamera gestanden sind. Zusammen mit seinem Kollegen Ringo Wolf hat er oft Decken benutzt, um den Hintergrund anzupassen. Die Vorarbeit hätten meist andere Mitarbeiter des Hauses geleistet.

Eine von ihnen war Maria Karbaumer. Sie erzählt: "Wir haben unseren Kleiderschrank geplündert." Ob Ankleiden, Schminken oder Nägel lackieren: Ihre Kollegen aus der Tagesbetreuung und sie haben die Bewohner in Schale geworfen, bis jedes Detail stimmte. "Abends wollten sie sich nicht mehr abschminken", berichtet Mitarbeiterin Sandra Kühnel. "Für die Bewohner war schön, dass sich jeder wie ein Highlight fühlen konnte." Aber auch für das Team sei das Projekt wertvoll gewesen. Denn Karbaumer und Kühnel sind auch selbst vor der Linse gestanden: Sandra Kühnel passend als die Sängerin Sandra, Maria Karbaumer als Annie Lennox. Als sich alles um Corona gedreht hat, habe man endlich mal über was anderes geredet, freut sich Kühnel.

Heimleiterin Anja Grunwald erklärt, genau das sei die Intention dahinter gewesen. Denn als im März 2020 zum Schutz vor dem Corona-Virus die Türen des Hauses für Besucher schließen mussten und beispielsweise das gemeinsame Singen nicht mehr möglich war, begannen "schwere Zeiten", wie der Titel der Ausstellung bereits verrät. Sven Grimpe habe die Idee dann an der richtigen Stelle zur richtigen Zeit gehabt. "Es war ein Gemeinschaftsprojekt, das Leben gebracht hat - etwas Positives trotz der schweren Zeit", freut sich Grunwald, die passend zu ihrer roten Haarfarbe das Cover der Band Simply Red imitiert hat. "Ich hätte ja lieber Maria Carey gemacht", meint Grunwald selbst.

Besonders schön für die Heimleiterin sind auch die vielen Rückmeldungen der Prominenten gewesen. Christina Stürmer, Mark Forster und Helene Fischer haben eine Karte an ihre Doubles geschickt, Linda Feller und DJ Bobo eine Videobotschaft, und Jutta Speidel und Uschi Glas sind sogar selbst vorbeigekommen. Der Besuch der ehemaligen "Um Himmels Willen"-Schauspielerin Speidel sei für viele Bewohner, welche die ARD-Serie verfolgen, ein Highlight gewesen. Uschi Glas war von der Nachstellung ihres Covers durch Seniorin Ingeborg Grothe begeistert und hielt das Projekt für eine "irre Idee". Die Kreativität der Senioren begeistert Glas. Die will Anja Grunwald auch in Zukunft fördern, vielleicht werden dann Filmplakate nachgestellt.

Maria Gallner dürfte dabei keine Probleme haben. "Mit den Händen habe ich so gemacht", erklärt die 81-Jährige ihre Pose und verschränkt die Hände voreinander. Auf ihrem Cover blickt sie - wie ihr Vorbild Mireille Mathieu - gekonnt verträumt in die Kamera.

© SZ vom 17.07.2021
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