Hommage:Provokation wertschätzen

Zum 100. Todestag würdigen der PEN und eine digitale Ringvorlesung den bayerischen Schriftsteller Oskar Panizza

Von Veronika Kügle, München

Die sogenannte "Cancel Culture" wird immer mal wieder heiß diskutiert, in sozialen Medien füllen sich Kommentarspalten meist schneller, als man "Shitstorm" sagen kann. Erst im Frühjahr machte der Rapper Danger Dan mit seinem Stück "Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt" auf die Schwachstellen des fest im Grundgesetz verankerten Paragraphen aufmerksam. Bei all der mal mehr, mal weniger gerechtfertigten Kritik vergessen wir in Deutschland dabei gerne einmal, wie wertvoll unsere Meinungsfreiheit doch ist und wie echte Zensur aussehen kann.

Die hat etwa Oskar Panizza, der heute vor hundert Jahren in einer Nervenanstalt starb, erleben müssen. Für sein Werk "Das Liebeskonzil" wurde der Autor 1895 vom Münchner Landgericht wegen "Blasphemie" zu einem Jahr Einzelhaft verurteilt. Bekannt und von Kollegen wie Kurt Tucholsky, Karl Kraus und Lion Feuchtwanger geschätzt wurde der Schriftsteller durch seine scharfe Kritik an Religion, Gesellschaft und Staat. Bis heute gilt er als einer der umstrittensten Autoren seiner Zeit. Und weil sich noch immer so schön über seine Texte streiten lässt, haben Professoren der University of Arizona gemeinsam mit Panizzas Geburtsstadt Bad Kissingen und der Monacensia im Hildebrandhaus im Vorfeld seines 100. Todestags eine digitale Ringvorlesung organisiert. Die endet am heutigen Dienstag, 28. September, um 18.30 Uhr mit einer Abschlussveranstaltung. Den Zoom-Link finden Interessierte im Programm unter panizza.arizona.edu, außerdem gibt es die Möglichkeit, Blogeinträge, Podcasts und die vergangenen Veranstaltungen als Video abzurufen. Internationale Wissenschaftler, Journalisten und Künstler beleuchten darin die oft provozierenden Texte aus verschiedenen Blickwinkeln.

Für das deutsche PEN-Zentrum, das ebenfalls in einer Pressemitteilung an den Autor erinnert, ist der Fall Panizza ein "mahnendes Beispiel dafür, sich weltweit für verfolgte Journalisten und Schriftstellerinnen einzusetzen". Oder anders ausgedrückt: Lieber das abertausendste hitzige Wortgefecht, als auch nur ein weiterer Publizist, der mundtot gemacht wird.

© SZ/arga
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