bedeckt München 25°

Opfer des Oktoberfest-Attentats:Ein Anschlag, der 34 Jahre dauert

Hans Roauer, München 2015

Hans Roauer stand gleich neben dem Papierkorb am Wiesn-Eingang, in dem der Attentäter die Bombe deponierte.

(Foto: Veronica Laber)
  • Hans Roauer ist Opfer des Oktoberfest-Attentats. An den Folgen der Explosion leidet er bis heute: Auf Röntgenbildern seines Schienbeins kann man immer noch Reste metallener Bombensplitter sehen.
  • Zu Silvester schluckt Roauer eine Schlaftablette, Kinofilm kann er nur anschauen, wenn er ganz hinten sitzt.
  • Besonders leidet er aber am unsensiblen Verhalten der Behörden. So musste er jahrelang für seine Entschädigung kämpfen: 127 Euro im Monat.

Seit fünf Wochen wacht Hans Roauer jede Nacht auf, in Schweiß gebadet, im Kopf die Bilder, in der Nase den Brandgeruch. Alles ist wieder da, wenn er daliegt in seinem Bett in Donauwörth: der junge Mann mit der Plastiktüte, der Knall, die Sirenen, die Schreie, die Roauer in jener Nacht vor 34 Jahren erlebt hat und die ihn nun wieder heimsuchen. All das ist jetzt noch präsenter als in all den Jahren zuvor. Jetzt, da die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen zu den Hintergründen des Oktoberfestattentats vom 26. September 1980 wieder aufgenommen hat.

Es war ein spektakulärer Schritt Mitte Dezember, ein Schritt, der den 211 Verletzten des schwersten Anschlags in der Geschichte der Bundesrepublik Mut macht, dass mögliche Hintermänner doch noch gefunden werden. Es ist eine Chance auf Gerechtigkeit, die auch Roauer begrüßt, aber trotzdem ist sie da: die Angst vor der Erinnerung, gegen die der Donauwörther seit dem Anschlag kämpft, seit gut vier Jahren auch mithilfe einer Psychologin.

"Diagnose: offene Vorfußtrümmerfraktur rechts mit ausgedehnter Weichteilbeteiligung, Weichteilverletzung am Kopf" - das ist in dem Arztbrief zu lesen, mit dem das Klinikum Großhadern Roauer am 4. November 1980 in die Reha entlässt. Von einer Posttraumatischen Belastungsstörung, die ihm Jahrzehnte später seine Therapeutin in einem Gutachten attestiert, ist dort nichts zu lesen, dabei werden die seelischen Wunden weit schlechter heilen als die sichtbaren, die körperlichen. Er hat eine offene Wunde an seinem zerstörten rechten Fuß, dem "Wiesnfuß", wie er ihn nennt.

Bombensplitter stecken bis heute im Bein

Er hat gekämpft dafür, dass er ihm nicht amputiert wird. Denn Roauers Linker ist ein Klumpfuß, von Geburt an, der zweite Fuß ist also unverzichtbar. Auf Röntgenbildern seines Schienbeins kann man bis heute Reste metallener Bombensplitter sehen, auch im Beckenknochen, am Hinterkopf und in der Schulter stecken noch Metallreste - ironischerweise die letzten Asservate jenes Anschlags, den die Ermittler längst zu den Akten gelegt hatten. Und dessen Asservate die Bundesanwaltschaft zum Teil schon Anfang 1981, nur wenige Monate nach dem Anschlag, vernichten ließ.

Als Roauer dies im Dezember in der Süddeutschen Zeitung las, meldete er sich bei dem Münchner Rechtsanwalt Werner Dietrich, der viele Anschlagsopfer vertritt. Er hat den Bundesanwälten inzwischen angeboten, sich die Splitter notfalls herausoperieren zu lassen, sollte es der späten Wahrheitsfindung dienen - wohl mehr ein Symbol als ein Ermittlungsansatz. Gehört hat Roauer dazu noch nichts, auch nicht zu seiner Zeugenaussage, die er zusammen mit dem ungewöhnlichen Angebot nach Karlsruhe geschickt hat.

Wie Zeuge Roauer das Attentat erlebt hat

Darin schildert der Zeuge Roauer, was er unmittelbar vor der Detonation beobachtet hat: Wie der junge Mann mit dem Wuschelkopf und der Plastiktüte zu einem Auto am Bavariaring gegangen ist. Wie er durch die heruntergelassene Scheibe mit mindestens drei Insassen des dunklen Wagens gesprochen hat. Wie er heftig diskutierte. Und wie der Mann dann vielleicht fünf, zehn Meter zu dem Papierkorb gleich neben Roauer ging und die Plastiktüte hineinlegte.

Die Druckwelle erfasste Roauer, er flog, fiel, dachte noch: "Was für ein Trottel zündet denn auf dem Oktoberfest einen Feuerwerkskörper?" Dann war er weg, ohnmächtig. Als er aus der Ohnmacht erwachte, wollte er aufstehen. Neben ihm lag der Torso eines Mannes, dem die Arme fehlten und große Teile des Gesichtes, der Attentäter Gundolf Köhler.

Zur SZ-Startseite