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Oktoberfest-Attentat:Warum die Ermittlungen Jahre dauern werden

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Am 26. September 1980 explodierte die Bombe am Haupteingang des Oktoberfests. Nun werden die Ermittlungen wieder aufgenommen.

(Foto: Imago)
  • Die Bundesanwaltschaft will die Ermittlungen zum Oktoberfest-Attentat wieder aufnehmen. Doch mit der bloßen Ankündigung ist es noch lange nicht getan.
  • Es gilt nun, Hunderte Aktenordner durchzuwälzen, die zudem nicht alle in einem Archiv lagern. Die Aufarbeitung des Falls kann Jahre dauern.
  • Noch gibt es in der Sache keinen Beschuldigten, wohl aber einen neuen Verdächtigen. Den muss die Bundesanwaltschaft jetzt befragen.

Mehr als 34 Jahre nach dem Anschlag auf das Oktoberfest hat die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe am Donnerstag das Ermittlungsverfahren wieder aufgenommen. 32 Jahre nach der Einstellung. Doch was heißt das konkret? Die wichtigsten Fragen, wie es jetzt weitergeht.

Was passiert jetzt bei der Bundesanwaltschaft?

Die Ankündigung, die Ermittlungen offiziell wieder aufzunehmen, ist das eine, es dann wirklich zu tun, das andere. Bei der Bundesanwaltschaft ist seit Jahren Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten, 44, mit dem Thema Oktoberfest-Attentat betraut, er hält ein Auge auf neue Erkenntnisse und Hinweise. Das Problem: Weingarten ist einer der Sitzungsvertreter der Bundesanwaltschaft im NSU-Prozess, dem bundesweit wichtigsten Verfahren, das derzeit läuft.

Abziehen kann man ihn dort nicht, aber dennoch wird er nun einen Plan entwerfen müssen, wie die Staatsanwälte den riesigen Aktenberg durchforsten können - und wie mit der neuen Zeugin und ihrem Hinweis auf einen möglichen Mitwisser des Attentats verfahren wird. Vermutlich bekommt Weingarten, der Experte, Helfer an die Seite gestellt, die ihn unterstützen.

Gibt es konkrete Beschuldigte, Verdächtige, gar Festnahmen?

Bisher gibt es keine Festnahmen und auch noch keinen Beschuldigten. Der Verdächtige, auf den die neue Zeugin hingewiesen hat, soll zunächst nur als Zeuge befragt werden. Der Mann soll am Tag nach der Tat einen Packen Nachrufe auf Gundolf Köhler in seinem Spind gehabt haben, zu einem Zeitpunkt, als noch niemand den Namen des Täters wusste. Später soll er nach Argentinien gegangen, inzwischen aber zurück in Deutschland sein. Die Bundesanwaltschaft kennt seinen Namen und seinen Wohnort.

Bei der Befragung eines Zeugen lauern aber rechtliche Fallstricke: Wird er nicht juristisch einwandfrei belehrt, sind seine Aussagen später in einem möglichen Verfahren nicht verwertbar. Deswegen kann die Bundesanwaltschaft den Mann auch nicht einfach besuchen, sondern muss Schritt für Schritt und vor allem korrekt vorgehen. Das kann dauern, möglicherweise aber auch sehr schnell gehen, wenn sich Hinweise verdichten.

Was passiert mit den Akten, die längst in Archiven lagern?

Diese Akten müssen nun von der Bundesanwaltschaft und dem LKA durchgearbeitet werden. Weit mehr als 1000 Leitz-Ordner füllen die Unterlagen, die sich auf den Anschlag beziehen. In den vergangenen Jahren sind ganze Aktenberge von Behörden an Archive abgegeben worden. Ein eigentlich normaler Vorgang. Seltsam nur, dass manche dieser Akten, in denen es auch um das Oktoberfest und Personen geht, gegen die damals ermittelt wurde, den Ermittlern bis heute unbekannt sind.

Die damaligen Hauptakten liegen im Bundesarchiv in Karlsruhe, dorthin hat auch der Bundesnachrichtendienst Anfang 2014 das abgegeben, was für Archivbesucher öffentlich einsehbar sein darf. Und diese Akten bleiben auch dort. Sollten die nun beauftragten Ermittler des Bayerischen Landeskriminalamtes Papiere dort einsehen wollen, müssten auch sie in den Lesesaal in Koblenz kommen. Aber von den Hauptakten behalten Staatsanwaltschaften in der Regel Kopien - eine Handakte - und eine solche gibt es auch in Karlsruhe.

Auch im Münchner Hauptstaatsarchiv lagern besonders viele Bestände bayerischer Ermittlungsbehörden. "Wir sind sehr gespannt, was das für Auswirkungen haben wird", sagt Archivdirektor Gerhard Fürmetz, der die Bestände verwaltet. Möglicherweise werden diese zu den Verfahrensakten beigezogen.

Seit im September bekannt wurde, dass noch unerschlossene Akten im Archiv lagern, arbeiten die Archivare eifrig daran, diese Bestände zu sichten und zugänglich zu machen. Im Falle von 80 Ordnern des LKA ist die Erschließung nun geschafft. Sie enthalten die Umtriebe der Wehrsportgruppe Hoffmann zwischen 1975 und 1991, der Schwerpunkt liegt auf den Jahren 1980 bis 1990. Nur zwei der Ordner haben einen Bezug zum Wiesn-Attentat.

Was kommt jetzt auf die Ermittler im Landeskriminalamt zu?

"Das ist eine Dimension, die man nicht unterschätzen darf", sagt Ludwig Waldinger, Sprecher des Landeskriminalamts. Er ist davon überzeugt, dass die Ermittlungen seiner Behörde zum Oktoberfestattentat Jahre in Anspruch nehmen werden. Jetzt muss das LKA zunächst Akten anfordern und die nötigen Strukturen aufbauen, eventuell eine Sonderkommission. Klar ist für Waldinger, dass man diese neuen Ermittlungen "nicht nebenbei" machen könne.

Neue Leute braucht das LKA für die zusätzliche Aufgabe nicht, man müsse aber erfahrene Beamte "anderswo abziehen", heißt es. Seit Donnerstag erarbeitet das LKA also erst einmal die nötige Logistik. Und die beginnt schon bei der Frage, wo die Oktoberfest-Ermittler untergebracht werden sollen. Im kommenden Jahr steht der G-7-Gipfel auf Schloss Elmau an, für dessen Vorbereitung seien vorhandene freie Räume im LKA bereits belegt.

Was plant der Opferanwalt Werner Dietrich zu tun?

Für Opferanwalt Werner Dietrich wird jetzt vieles einfacher: Als Verfahrensbeteiligter darf er Akten ungeschwärzt einsehen, die er sich früher nur eingeschränkt in Archiven zusammenklauben konnte. Für ihn sei es eine Erleichterung, dass nun nicht nur Privatleute wie er und seine Mitstreiter, sondern die Behörden die Hintergründe des Anschlages aufklären wollen. Die Hände werde er aber keinesfalls in den Schoß legen, sondern die Ermittlungen mit wachsamem Auge begleiten.

© SZ vom 13.12.2014/tba
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