Kritik:Süße Möglichkeiten

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Die Hugenotten

Naturphilosophische Romantikerin, die eigentlich Königin ist (Ines Bergk, rechts) und verliebter Hugenotte (Manuel Ried, links).

(Foto: Aylin Kaip)

Die Opera Incognita gräbt Meyerbeers "Hugenotten" wieder aus. Zumindest im ersten Teil liegt die Ahnung einer Utopie für die Gegenwart.

Von Rita Argauer, München

Die Konflikte sind entsetzlich gegenwärtig. Das freie Münchner Opernensemble Opera Incognita zeigt Giacomo Meyerbeers "Die Hugenotten" als szenische Aufführung in der Allerheiligen Hofkirche. Und die Historisierung, die dieser Religionskonflikt schon zu Meyerbeers Lebzeiten war und hier durch die Renaissance-Kostüme unterstützt wird, verpufft. Verhärtete Grenzen und das immer absolutere Berufen auf die eigene Gesinnungsgruppe sind heute in verschiedenen Ländern wie Gesellschaftsschichten wieder spürbar.

Im Kostüm wird diese Scharfkantigkeit der Gesinnungen herrlich plakativ abgefangen, indem die Hugenotten konsequent in weiß gekleidet sind, die Katholiken in schwarz. Kein Grau, kein Dazwischen, so die Ausgangslage dieser Grand Opéra, die Andreas Wiedermann als szenische Standbilder - die Figuren wechseln von einem Freeze-Tableau zum nächsten - passend eingerichtet hat.

Vor diesem Hintergrund wirken die ersten beiden Akte wie ein traumhafter Idealzustand: Raoul, ein Hugenotte, und wunderbar zerbrechlich, schwankend und zitternd gesungen von Manuel Ried, trifft bei einer Feier auf den katholischen Grafen Nevers; Manuel Kundinger lässt den stimmlich ganz gegenteilig mit kraftvollem Timbre in starker Mittellage durch das Kirchenschiff voll sinnlichem Selbstbewusstsein tönen. Der gibt dann auch mal zu: Die Wahl zwischen Wein und Gott fällt auf den Wein. Sehr zum Entsetzen des alten Hugenotten-Kämpfers und Dieners Raouls Marcel (Torsten Petsch) - der trinkt nicht, aber singt ein so skurriles wie blutrünstiges Hugenotten-Kampflied, was den Alten als alte entrückte Gruselfigur erscheinen lässt; nicht der neuen Zeit angemessen. Welch Utopia!

Die Musik ist ein anarchischer Stilmix - Ines Bergk als Königin die Lichtgestalt des Abends

Das führt zur Musik dieser selten gespielten Oper: ein verrückt anarchischer Stilmix. Meyerbeer setzt einzelne Musikstile als Narrativ ein und legt sie ohne Hemmungen übereinander. Der alte Hugenottenkämpfer singt im tiefen Bass finster dröhnend Choräle, während sich darüber, an den Grenzen zur Disharmonie schabend Katholiken und Hugenotten vertragen. Die Musik spiegelt hier eine vielstimmige und widersprüchliche, aber gemeinsame Existenz der Gesinnungen. Quasi ein historisierender Multikultisoundtrack, dessen Klänge in der hallenden Akustik des Kirchenschiffs zu einem Sinn werden - in einer gelungen reduzierten Fassung von Ernst Bartmann, der das Kleinst-Orchester auch leitet.

All die Utopie hält nicht. Aus dem Versuch einer naturphiliosophischen Romantikerin, die eigentlich Königin ist, durch eine Vermählung Raouls mit einer Katholikin Frieden zu stiften, entwickelt sich ein veritables Romeo-und-Julia-Verhängnis. Am Ende gibt es Krieg, Blut und Tod. Die Königin aber, grandios gesungen von Ines Bergk, voller Kraft und Zartheit, ist Lichtgestalt und Star des Abends.

Wenn die Stimmung kippt - von Akt 3 an - wird auch klar, warum diese Oper es nicht in den gängigen Repertoire-Betrieb geschafft hat. Die Kühnheit der musikalischen Narration des Beginns weicht hier einer schlichten Dramaturgie: Verrat und Warnung - all das erzählt sich in endlosen Rezitativen, musikalisch nun schlichter, ein wenig langatmig und vorhersehbar. Dann ermüden auch die szenischen Standbilder. Doch der Glanz und Mut, die beinahe visionäre Verrücktheit und das Klirren der gleichzeitigen Existenz ideologischer Gegensätze trägt eine einfache wie umwerfend zeitgemäße Botschaft: Alles darf sein!

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