Oper In der Partitur zuhause

Auf dem Weg zum Sängerdarsteller: Mit Studenten der Hochschule für Musik und Theater erarbeitet die Regisseurin Waltraud Lehner Mozarts "Le nozze di Figaro"

Von Klaus Kalchschmid

Eigentlich ist eine Bühnen-Orchester-Probe - im Theaterjargon kurz BO - hauptsächlich die Arbeitsprobe für den Dirigenten und die Sänger, um Timing wie Klangbalance auszutarieren und musikalischen Feinschliff vorzunehmen. Aber Regisseurin Waltraud Lehner schaut beim "Figaro" in der Reaktorhalle natürlich auch ganz genau hin, ob alles im "Ernstfall", also mit Orchester so funktioniert wie vorher geprobt; und geht, wenn unterbro-chen wird, schon mal auf die Bühne, um einen Sänger darauf hinzuweisen, dass das mit dem Zeitlupen-Modus, in den gerade alle verfallen, nicht so perfekt aussieht; oder sie korrigiert einen Auftritt, der nun früher oder später erfolgt. Im fertigen Bühnenbild (Ulrich Frommhold) gibt es auch die Wirkung einer Geste, Handhaltung oder Körperdrehung anzupassen.

Waltraud Lehner hat seit Herbst 2013 die "Professur für Szenische Leitung im Bachelorstudiengang Gesang an der Hochschule für Musik und Theater" inne und ist eine erfahrene Regisseurin - gerade mit jungen Sängern. Denn von 2005 bis 2011 war sie als Regisseurin und Produktionsleiterin an den Staatsopern Hannover und Stuttgart tätig und hatte von 2009 an zwei Jahre lang auch die szenische Leitung des Opernstudios der Stuttgarter Staatsoper inne: "Mein Ziel ist eine zeitgemäße Ausbildung der Bachelorstudierenden in den ersten vier Jahren, die auf die verschiedenartigen Anforderungen heutigen Musiktheaters vorbereitet."

Gemäß ihrem Credo, dass das "besondere Augenmerk auf einer genauen Analyse der musikalischen Textur und der Umsetzung in szenisch-musikalische Vorgänge liegt", um die Studierenden sich zu eigenverantwortlichen Sängerdarstellern auf der Bühne entwickeln zu lassen, betont sie angesichts ihrer aktuellen Arbeit: "Jeder weiß jetzt hoffentlich in jedem Takt, was los ist in der Partitur, und wer warum wem einen Brief schreibt." Sie lacht.

Dann erzählt Waltraud Lehner, welche Wirkung es hatte, als sie die todtraurige Auftrittsarie der Gräfin einfach mal auf den Text von Volksliedern aus der Heimat der Sängerinnen intonieren ließ - also mal koreanisch, mal bairisch: "Und mit einem Mal erlebten beide eine größere Freiheit und Natürlichkeit des Singens."

Lehner strebt "ein 'ganzheitliches' Ausbildungskonzept an für die zum Teil sehr jungen Studierenden, einige machen gerade ihren Führerschein!" Es geht also darum, "das inhaltlich-dramaturgische Verständnis für eine Komposition zu schärfen und ihre historische Verankerung zu verstehen". Dem gehen szenische Übungen voraus. Neben Ariengestaltung gibt es Ensemblearbeit und Improvisation, aber auch Vorsingen wird trainiert. Ein Musiktheaterprojekt pro Studienjahr in der Reaktorhalle deckt im Laufe des Studiums verschiedene Stilrichtungen ab.

"Le nozze di Figaro" hat Waltraud Lehner schon beim Opernfestival auf Gut Immling inszeniert, aber ihre Arbeit mit den Studierenden der Musikhochschule sieht ganz anders aus. Drei Ebenen gibt die (Dreh-)Bühne vor: einen nüchternen Backstagebereich mit Kicker (weshalb die A- und B-Besetzung auch Team weiß und Team gelb genannt werden), eine Barock-Bühne mit der Fototapete des Spiegelsaals von Schloss Herrenchiemsee und die für die Zuschauer einsehbare "Maske".

Auf der Hauptprobe (kurz: HP) sind dann endlich die Kostüme zu sehen und schnell werden die Hierarchien klar. Susanna und Figaro tragen schwarze Kleidung von heute, Graf und Gräfin aber würden auf jedem Barock-Fest die Stars sein. Ganz hinten sehen wir - je nach Stellung der Drehbühne - mehr oder weniger in die Maske hinein und damit, wie die Sänger hergerichtet werden für ihren nächsten Auftritt: "Es soll zu sehen sein, wann ist der Sänger in seiner Rolle, wann ist er vermeintlich privat, wann wechselt das." Benedikt Eder vom Team gelb, das am Samstag erstmals antritt, gibt schon in der HP wunderbar blasiert den Grafen Almaviva, très chic und over the top sein Kostüm und seine steile Tolle (Kostüme: Katherina Kopp). Susan Zarrabis als Cherubino wiederum hat Spaß am Hinfallen und Herumgeschubst-Werden wie ein Stuntman.

Man vergisst, dass das noch nicht einmal die Generalprobe ist. Denn auch das kleine Orchester spielt unter Andreas Ruppert in einer Kammer-Fassung von Hans-Christian Heyne schon präzise und voller Elan. Wenn da plötzlich ein solistisches Streichquartett einsetzt, oder das erste Horn mit einem Flügelhorn, also einer Art Trompete, ergänzt wird, klingt das vertraut und doch wieder nicht.

Le nozze di Figaro, Fr., 17. April, 19 Uhr (Premiere, ausverkauft), Reaktorhalle, Luisenstraße 37a. Bis 25. April.