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Olympiaturm:Dieser Mann fährt täglich 60 Höhenkilometer

Helge Japha arbeitet als Aufzugführer im Olympiaturm München

Helge Japha arbeitet als Aufzugführer im Olympiaturm.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Helge Japha bringt im Olympiaturm Besucher mit dem Aufzug nach oben und wieder runter. Was er erlebt? Ängste, Vorfreude, Steckenbleiben, Hochzeiten und Silvesterwahnsinn.

Es kann eigentlich nichts passieren, sagt Helge Japha und schaut rüber zum Aufzug. Dessen Edelstahltüren sind geschlossen am Freitagvormittag um kurz nach elf Uhr, es gibt gerade keine Besucher, die auf den Olympiaturm wollen. Also sitzt Japha, der durch seine Brille immer mit so einem leichten Grund-Amüsement blickt, dass der ergraute Bart sich zu einem Schmunzeln biegt, hinter seinem Arbeitsplatz und wartet. Die Aufgabe ist einfach: Tickets kontrollieren, Gäste in einen der beiden Aufzüge bitten, Knopf drücken, hochfahren. Eigentlich kann da eben nichts passieren. Tut es aber doch. Dauernd.

Der Besuch bei den sogenannten Turmfahrern des Olympiaturms ist der Besuch in einem Mini-Biotop aus Edelstahl, etwa sechs Quadratmeter, Platz für theoretisch 30 Leute und viele kleine Momente und Geschichten rund um Höhe, Kultur, Platzangst und die Frage, wie man damit lebt, im Minutentakt mit unterschiedlichsten Menschen auf engstem Raum hoch und runter zu rasen.

Japha schaut auf den Gang unten am Olympiaturm, fünf Besucher nähern sich, sie sprechen unter sich. "Hola!", sagt Japha und erntet überraschte Blicke. Ein kurzer Plausch auf Spanisch, die Gruppe kommt aus Kolumbien, Japha summt ein Lied, zwei Frauen summen mit, fünf gelbe Tickets einmal vorzeigen, und auf Spanisch: "Bitte warten Sie vorne, ich komme gleich."

Auf welche Höhe soll's denn gehen? Betätigen darf die Tasten nur der Aufzugführer.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Japha ist 68, Musiklehrer, Taucher, Gitarrist, Vater zweier erwachsener Kinder, Rentner, Aufzug-Allwissender und Kontrabassist in einem. Aufgewachsen in Uruguay, wohin seine Familie auswanderte, als er vier Jahre alt war, mit zwölf kam er zurück, war bis zur Rente 40 Jahre Musiklehrer in Fürstenfeldbruck und muss deshalb damit leben, dass ihn manchmal Gäste anstarren, ein paar Sekunden, wenn er im Aufzug neben dem Bedienfeld mit den Metall-Tasten steht, bis sie sagen: "Herr Japha!" Dann biegt sich dessen Bart zu einem richtigen Lächeln - ein ehemaliger Schüler. Dann ratscht man, was Japha grundsätzlich bei jedem Gast macht.

Oder er singt. "Es war mal eine Gruppe Mexikaner da, als wir oben waren, haben alle gesungen." Als eine Gruppe aus Andalusien hochwollte, summte Japha eine Sevillana, alle machten mit. "Grundsätzlich sind ja alle gut gelaunt, freuen sich auf die Aussicht oder das Essen im Restaurant, und wenn wie wieder runterkommen, haben sie gut gegessen und den Ausblick genossen." Selten komme es mal vor, dass er arrogant von oben herab behandelt wird. Als niederklassiger Liftboy. "Aber ganz selten." Bevor Japha die Gruppe aus Kolumbien hochfährt, steigen unten ein Dutzend Gäste aus. Leute mit Rucksäcken voller Foto-Utensilien, Familien. "Die Turmbesucher sind ein totaler Querschnitt, jung, alt, Münchner, Touristen, alles."

Der Aufzug geht auf, eine leere Edelstahlkabine ist zu sehen, die an acht Stahlseilen aufgehängt ist. "Jedes Seil kann die Kabine alleine halten", sagt der Turmfahrer. Passiert ist noch nie etwas. "Allerdings bleibt der Aufzug schon mal stecken. Dann telefoniere ich mit dem Betriebsleiter." Da es im Aufzug kein Handy-Netz gibt, hat Japha dort ein Festnetztelefon. "Der Betriebsleiter kommt dann und schaut sich im Keller die Elektronik an." Meistens gehe es wieder, so eine Panne dauere um die zehn Minuten und da es eine Lüftung und einen Turmfahrer gibt, geht weder die Luft aus noch die gute Laune flöten. "Dann erzähle ich auch mal einen Witz."

Wenn der Betriebsleiter das Problem nicht in den Griff bekommt, fährt er mit dem zweiten Aufzug auf die gleiche Höhe des steckengebliebenen ersten und öffnet die Verbindungstür. Die Besucher wechseln den Aufzug und fahren ins Erdgeschoss. "Einmal ist das passiert, als ich mit einer Gruppe aus Sachsen unterwegs war. Da meinte einer nur: Doll, dass das im Westen och passiert." Für alle Fälle gibt es auch noch ein Treppenhaus. Aber wer will schon 185 Meter, so hoch liegt die Aussichtsplattform, zu Fuß gehen.

Die Kabine beschleunigt auf sieben Meter pro Sekunde

Unten neben den Aufzugeingängen sind Schließfächer, in denen man Kinderwagen deponieren kann oder Koffer. Beides darf nicht nach oben. Auch keine Flaschen. Es gab schon Leute, die Flaschen von der Aussichtsplattform geworfen haben.

Japha bittet die Kolumbianer und ein paar weitere Besucher in die Kabine, insgesamt 13 Personen. "Zuerst verteilen sich alle immer an den Wänden, wo man sich anlehnen und festhalten kann an den Querstangen." Dabei müsse man sich nicht festhalten, "wir fahren ja keine Kurven, sondern immer nur geradeaus". Japha steigt als Letzter ein, drückt auf das Stockwerk und schaut auf seine Gäste. Türe zu. Dann steigt die Metallkabine nach oben, beschleunigt auf sieben Meter pro Sekunde.

Eine Visualisierung des Olympiaturms.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die Höhe wird auf einem Display mit weißer Schrift auf blauem Hintergrund angezeigt. 30, 70, 120 Meter. Manch einer gähnt, andere halten sich zum Druckausgleich die Nase zu. Japha sagt: "Ich spüre da gar nichts, das liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich gerne tauche." Oder daran, das er im Schnitt 70 Mal pro Schicht hochfährt. "An einem Sommertag mit guter Sicht sind die beiden Aufzüge dauernd im Einsatz." Dann fahren die Turmfahrer permanent. 40 Sekunden hoch, 40 Sekunden Ein- und Aussteigen, 40 Sekunden runter. "Pro Stunde fährt der Aufzug da bis zu 20 Mal." Japha rechnet. 60 Kilometer ist er dann an einem Tag vertikal unterwegs.

Der Aufzug ist seit 51 Jahren täglich in Betrieb. Von neun Uhr morgens bis Mitternacht, nur am 24. Dezember schließen sie um 16 Uhr. Als es zum Jubiläum 2018 einen Tag die Fahrt für nur einen Euro gab, sonst kostet sie neun, "kamen an dem Tag 8000 Leute". Silvester ist auch begehrt. Da fährt der Aufzug bis um eins. "Ab halb elf kommen die Leute und wollen oben das Feuerwerk anschauen." Wobei das aus Sicht des Musikers Quatsch ist. "Raketen fliegen höchstens 100 Meter hoch, man schaut also immer auf das Feuerwerk runter vor einem hellen Hintergrund der Stadt." Aber interessant ist das Feuerwerk hier schon. "Bis um ein Uhr wird geballert, am meisten in Perlach und im Hasenbergl."

Kurz vor dem Ziel oben, die Gespräche sind nun verstummt und alle schauen auf die Höhenanzeige, kommt Japhas Lieblingsmoment: wenn der Aufzug abbremst. Dann kribbelt es leicht im Bauch. "Wenn Schulklassen mit Mädchen fahren, kreischen die da so richtig." Japha sagt am Freitagvormittag in dem Moment zu den Gästen seinen Standardspruch: "Jetzt habe ich mein Idealgewicht", und fasst sich an den leicht vorgewölbten Bauch.

Die Leute steigen aus, gehen an die Scheiben, schauen auf die Stadt. Japha macht das auch immer mal wieder, an diesem Freitag kann man die Berge wunderbar sehen. "Mein Lieblingsbild, die Berge." Japha lächelt vor sich hin in die Weite. "Das ist ja geistig kein sehr fordernder Job, aber es ist schön, mit so vielen verschiedenen Menschen zu tun zu haben."

Es gibt Besucher, die im letzten Moment Angst bekommen, wegen der Höhe, wegen der Enge. Mit so jemandem fährt Japha einzeln in einem Aufzug. An den höchsten Punkt der Stadt. Der Turm ist 291 Meter hoch, die Plattform eben auf 185 Metern. "Man sieht wunderbar, wie grün die Stadt ist", sagt Japha, grüßt "den Markus" von der Bar oben, läuft am Rockmuseum vorbei, wo sich das Lächeln des Musikers noch etwas weiter in den Bart gräbt. "Im Winter sind hier oft Konzerte, das ist super." Über die Musik kam er überhaupt zum Turm. Er wollte als Rentner bei der Firma arbeiten, die sich um die Sicherheit unter anderem für den Olympiaturm kümmern, aber vor allem für die Olympiahallen. "Ich habe da wunderbare Konzerte gehört und Geld verdient." Und kam so zum Turm.

Es versammeln sich schon wieder ein paar Leute an der Absperrkordel vor dem Aufzug, kurz geht Japha aber noch auf die offene Plattform hoch, ehe er die Gäste runterfährt. Hier gibt es auch immer jede Menge Heiratsanträge. "Da wird dann alles mit Rosenblättern ausgelegt oder der Weg mit Teelichtern markiert."

Am Ende eines Dienstes fährt Japha oft noch einmal nach oben. "Im Sommer, wenn kein Wind geht, nehme ich mir ein Bier mit, manchmal kommt mein Bruder dazu, dann fahren wir nach Mitternacht hier hoch und genießen - den Blick von meinem Turm auf meine Stadt."

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