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Oktoberfest-Tradition:Mit 150 ist beim Schichtl noch lange nicht Schluss

'Auf geht's beim 'Schichtl' - Oktoberfest - München, 1963

Biggi, genannt "die Dicke", ist immer noch eine der Attraktionen beim Schichtl, bevor man im Theater auf offener Bühne wieder mal zur Enthauptung schreitet.

(Foto: SZ Photo)

Der Schichtl feiert sein Jubiläum mit zahlreichen Gästen - ein besonders schönes Geschenk macht ihm der Wiesn-Chef: Womöglich bekommt das Theaterwirtshaus mehr Plätze.

Witze mit Namen - war ja klar! Wenn's draußen regnet, und der Betreiber des Schichtl-Varietétheaters Manfred Schauer heißt, liegt das nahe, und wenn der ranghöchste Gast Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) ist, was soll man da noch groß sagen? Schauer-Schichtl sagt auf hell erleuchteter, offener Bühne: "Lieber bescheuert als beschauert, oder?", und der Scheuer-Minister antwortet: "Lieber Manfred, du nimmst mir das Wort aus dem Mund!" Die Mitarbeiter im Berliner Büro seien eh entsetzt gewesen, als sie von diesem Termin erfuhren: Enthauptung? Schwierig! Aber der Schichtl ist gnädig, Scheuers Kopf bleibt unversehrt, obwohl Schauer auch sagt: "Ob ich dir zu allen deinen Ideen gratulieren kann, weiß ich noch nicht."

Verkehrsminister Scheuer war der Überraschungsgast beim Jubiläumsempfang zum 150-jährigen Bestehen im Schichtl-Theater auf dem Oktoberfest. Schausteller-Präsident Edmund Radlinger hatte ihn hergelotst, und Scheuer nutzte die Gelegenheit gleich, um neue Ausnahmegenehmigungen für Schausteller zu verkünden, die künftig nun auch an Sonn- und Feiertagen ihre fliegenden Bauten mit schweren Lastern abtransportieren dürfen.

Der praktische Nutzen dieser Meldung hielt sich für die meisten Festgäste in Grenzen: Handelte es sich doch weniger um Schausteller als um Polit- und andere Prominenz. Die gesamte Stadtspitze war vertreten, um mit Manfred Schauer, dem erst vierten Varietébetreiber seit Michael August Schichtl, zu feiern. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) meinte, es sei schwierig, mit Schauer auf eine Bühne zu gehen; man erlebe dabei viele Vorstellungen, "manchmal sogar gemeinsame". Auf alle Fälle treffe Schauer an diesem Tag auf viele Unterstützer: "Hier im Saal sind ja auf alle Fälle der nächste Oberbürgermeister oder die nächste Oberbürgermeisterin." Denn auch die beiden OB-Kandidatinnen Katrin Habenschaden (Grüne) und Kristina Frank (CSU) waren gekommen.

Zuvor hatten nicht nur die Kabarettistin Liesl Weapon als Moderatorin und der Liedermacher Roland Hefter mit diversen Seitenblicken in das Schichtl-Universum eingeführt, sondern auch Manfred Schauer selbst: "Was wir hier auf der Wiesn alles an Unfug erlebt haben, ist kolossal." Und auch einen kleinen Rückblick auf die Geschichte gab es. Vor 100 Jahren, so Schauer, sei die Front des Theaters 35 Meter lang gewesen, eine Vorstellung habe zweieinhalb Stunden gedauert: "Da siehst du mal, wie wir den Laden heruntergewirtschaftet haben!" Stolz sei er, so sagt Schauer, "vor allem auf die Zukunft!"

Die schaut gar nicht so übel aus. Denn Wiesn-Chef Clemens Baumgärtner (CSU) deutete in seiner kurzen Rede an, dass das Wirtshaus im Schichtl, das dem Theater überleben hilft, möglicherweise mehr Plätze bekommen könnte, um das Überleben zu sichern. "Wow!", sagt der Schauer da nur, und das freut ihn ersichtlich genauso wie die Taschenuhr, die ihm von seinen Schausteller- und Wirtekollegen zum Jubiläum überreicht werden, mit seinen Initialen M. S., die zufällig genau die gleichen sind wie die des Theatergründers Michael Schichtl.

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Seit 34 Jahren ist Manfred Schauer das Gesicht des Schichtl auf der Wiesn. Sein "internationales Provinztheater" bietet typische Jahrmarkts-Attraktionen. Er weiß aber auch um die Veränderungen in der Stadt, spricht über soziales Engagement und die Strapazen des Oktoberfests.   Interview von Franz Kotteder