bedeckt München 17°
vgwortpixel

Obermenzing:Von Hass gereinigt

Leerer Stuhl Obermenzing

Die Pasinger Steinbildhauerin Sibylle Semlitsch hat die goldgelbe Inschrift restauriert.

(Foto: Privat)

Die Inschrift am Mahnmal "gebeugter leerer Stuhl" bei der Kirche Leiden Christi ist wiederhergestellt

"Es fühlt sich an wie ein Sieg über die Täter", erklärt Blanka Wilchfort. Sie und ihrer Künstlerkollegin Marlies Poss freuen sich darüber, dass die Inschrift am Sockel des Mahnmals "gebeugter leerer Stuhl" südlich des Portals der katholischen Kirche Leiden Christi nun wieder zu lesen ist. Über die Osterfeiertage Ende April 2019 war die Skulptur, die an die vertriebene, deportierte und ermordete jüdische Bevölkerung von Obermenzing erinnert, geschändet worden. Mutmaßlich neonazistische, antisemitisch motivierte Täter hatten den Text auf der Sitzfläche des Stuhls mit der SS-Doppel-Sigrune in weißer Farbe beschmiert. Das Staatsschutzkommissariat der Kriminalpolizei nahm vor knapp einem Jahr die Ermittlungen auf. Von einer Ergreifung der Täter ist bis heute nichts bekannt geworden.

Die Steinbildhauerin Sibylle Semlitsch, die aus Pasing stammt, hat die goldgelbe Inschrift nun wiederhergestellt. Die Kosten für die Restaurierung werden die Freunde Schloss Blutenburg e.V. (BBV) trage, wie deren Vorsitzender Andreas Ellmaier mitteilt. Der Verein hatte, mit Unterstützung des damaligen Pfarrers von Leiden Christi, Klaus Günter Stahlschmidt, die Erinnerungsskulptur gestiftet. Der Obermenzinger gebeugte leere Stuhl war im Jahr 2016 der dritte seiner Art, den die beiden Künstlerinnen Wilchfort und Posch zusammen konzipiert hatten.

Ein weiterer steht seit 2015 an der Ostfassade des Pasinger Rathauses, gestiftet vom Kulturforum München-West e.V., dem Kulturreferat und einem privatem Sponsor. Auch in Gräfelfing macht eine Variante der Plastik die Leerstelle deutlich, welche die Vertreibung und Ermordung der Juden in den Jahren der Nazi-Diktatur gerissen hat. Das knapp 4,50 Meter hohe Kunstwerk ist aus schwarzem Kanteisen gefertigt, es besteht aus einem leicht nach vorne gekippten Stuhlobjekt ohne Sitzfläche, nur zwei der vier Stuhlbeine sind mit dem Sockel verbunden.

"Nach den rechtsextremistischen Vorfällen der letzten Zeit zeigt sich umso mehr, wie wichtig die Mahnung und Erinnerung daran ist, wo Rassenhass hinführen kann. Es ist zu befürchten, dass unser durch Corona geschwächtes Land noch anfälliger sein wird für extreme Randgruppen", erklären die Künstlerinnen. Ihr Mahnmale ist am Sockel mit einem sogenannten QR-Code versehen, der zu den Informationen über die Opfer führt.

Der gebeugte leere Stuhl an der Obermenzinger Kirche ist inzwischen ein Versammlungsort geworden, an dem immer wieder Gedenkveranstaltungen stattfinden. Aber nicht nur das Gedenken an die Vergangenheit, sondern das Nachdenken gemeinsam mit jungen Leuten über Gegenwart und Zukunft sei wichtig, so Blanca Wilchfort. "Wir müssen auch nach vorne sehen."

© SZ vom 01.04.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite