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Obergiesing:Offenes Geheimnis

Herbert-Quandt-Straße wird möglicherweise umbenannt

Von Julian Raff, Obergiesing

Über die vom Bezirksausschuss (BA) beantragte Umbenennung der Herbert-Quandt-Straße wird am Ende der Stadtrat nach Empfehlung des Ältestenrats entscheiden. Als Experte öffentlich Stellung bezogen, hat unterdessen Andreas Heusler, der mit seinen Kollegen im Münchner Stadtarchiv zu potenziell belasteten Straßennamen in München forscht und die Stadtoberen berät.

Von den gut 6300 Münchner Straßennamen bedürfen derzeit 330 eventuell einer ergänzenden, kritischen Beschilderung, die auf politische und ideologische Verstrickungen der Namensträger hinweist. In 40 Fällen könnten diese so weit gehen, dass das Historikerteam als Ergebnis seiner Recherchen eine Umbenennung empfiehlt. Im BA bestätigte Heusler grundsätzlich das offene Geheimnis, dass sich die Herbert-Quandt-Straße auf dieser kurzen Liste befindet, die, um voreilige Debatten zu vermeiden, bislang nicht veröffentlicht wurde, ebenso wie die lange Liste mit den 330 potenziell erläuterungsbedürftigen Namen. Eine eigene Einschätzung wollte der Historiker zunächst nicht abgeben, sah sich dann aber doch dazu genötigt, nachdem AfD-Vertreter Thomas Kaiser eingewandt hatte, man möge doch auch Quandts Verdienste beim wirtschaftlichen Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg in die Entscheidung mit einfließen lassen. Wer sich "als Profiteur des NS-Systems betätigt" und somit gegen Grundwerte "versündigt" habe, verdiene keine relativierende Gesamtschau der Lebensleistung, stellte Heusler klar und ergänzte an Kaisers Adresse: "Da muss man schon die Frage stellen, ob Sie und ich in einer solchen Straße leben wollen".

Mit den praktischen Aspekten der Frage, sprich einer eventuellen Adressänderung, müssen sich in der Herbert-Quandt-Straße vor allem Gewerbetreibende auseinandersetzen. Zu Heribert Wagners (FDP) Vorschlag, betroffenen gewerblichen und privaten Anwohnern gegebenenfalls eine Aufwandsentschädigung zu zahlen, wollte sich Heusler nicht äußern, dies solle die Politik entscheiden. Die Namensehre für einen Nutznießer des NS-Zwangsarbeitersystems bleibt dabei, wie Heusler dem BA versichern konnte, der einzige Problemfall im 17. Stadtbezirk. Auch im Nachbarbezirk Untergiesing, gibt es laut Heusler nur zwei Prüffälle für ergänzende Tafeln: Wissenschaftlich und ohne Vorverurteilung untersucht werde die Haltung des 1940 verstorbenen Verlegers und Münchner Stadtrats Josef Humar zum Nationalsozialismus, sowie Leben und Werk des Südtiroler Mussolini-Gegners Josef Noldin, der sich im Namen seiner deutschsprachigen Landsleute gegen die faschistische Italianisierungspolitik stellte und 1929 starb.

© SZ vom 14.05.2021
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