Obergiesing In einer besonderen Bäckerei

Das Programm "Respect U" bringt Kindern nach dem Unterricht nicht nur praktische Dinge, sondern auch ein gutes Miteinander bei. Die Stiftung "Gesellschaft macht Schule" würde gerne noch mehr Schüler aufnehmen, hat aber nicht die finanziellen Mittel dazu

Von Ilona Gerdom, Obergiesing

Ein Päckchen Mehl, Eier und kleine Schüsselchen, randvoll mit pinkfarbenen Zuckerkugeln, stehen auf der Kochinsel im Schülercafé. Darum herum haben sich Kinder versammelt. Die elf Schüler besuchen die Mittelschule an der Giesinger Ichostraße. Weil es eine Ganztagsklasse ist, sind die zwischen Zehn- und Zwölfjährigen um 15 Uhr noch dort. Der Unterricht ist schon vorbei, jetzt backen sie im Kurs "Team und Spiel". Das ist Teil des Programms "Respect U" der Organisation "Gesellschaft macht Schule". Ihr Ziel ist es, Kinder und Jugendliche an Brennpunktschulen zu unterstützen. Viele der Schüler dort sind benachteiligt, wenn es um das Thema Bildung geht. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Manche kommen aus Familien, die wenig Geld haben, andere haben Schwierigkeiten, Fuß zu fassen, weil sie aus einem anderen Land kommen. Die Stiftung will dafür sorgen, dass kein Kind verloren geht, gleich in welchen Verhältnissen es aufwächst.

Die Küche ist von Stimmen erfüllt. Nach dem langen Schultag sind die Kinder ein bisschen aufgedreht und laut. Eine Schülerin hat sich eine rosa Plastikschüssel über den Kopf gestülpt und hüpft umher. Das Mädchen trägt eine dunkle Stoffhose, die an den Seiten rote Streifen hat. Unter der Schale auf dem Kopf fallen lange braune, fast schwarze Haare heraus. Wenn sie so durch das Zimmer läuft, bekommt man Angst, dass sie jeden Moment über ihre offenen Schuhbänder stolpert. Die sind ihr aber herzlich egal. Nicht egal ist ihr das Teamtraining. Dabei, sagt sie, lernten sie als Klasse schon etwas. Nicht nur Kuchenbacken, sondern, wie Nazli sagt: "Miteinander gut umgehen. Man versteht sich viel besser."

Spielerisch und kreativ: "Gesellschaft macht Schule" hilft an vier Mittelschulen, die Klassengemeinschaft und die Persönlichkeitsentwicklung des Einzelnen zu stärken.

(Foto: Privat)

An vier Mittelschulen und zwei Ganztagsschulen setzt sich "Gesellschaft macht Schule" dafür mit insgesamt 25 pädagogischen Fachkräften ein. Der Schlüssel zu Bildung ist für die gemeinnützige GmbH nicht nur guter Unterricht: Auch die Persönlichkeit und das Selbstwertgefühl spielen eine Rolle. In erfahrungs- und erlebnisorientierten Projekten lernen die Kinder sich selbst besser kennen, finden heraus, welche Stärken sie haben und bauen Selbstbewusstsein auf. Schon 320 Schüler begleiten die Trainer. Für mehr reichen die finanziellen Mittel derzeit nicht. Das Team hofft, dass sie bald mehr Kinder in ihr Programm aufnehmen können. Das jedoch funktioniert nur, wenn genug Menschen für das Projekt spenden.

Inzwischen steht der Mixer still. Trotzdem muss sich Bettina Propach, eine der beiden anwesenden Pädagoginnen, Gehör verschaffen. Als Ruhe eingekehrt ist, sagt sie: "Ihr habt beim letzten Mal gesagt, dass jeder einen eigenen Kuchen will." Deshalb stellt sie kleine Kuchenförmchen auf die mit Mehl bedeckte Arbeitsfläche. Nicht nur auf dem Tresen sieht es aus, als hätte es geschneit. Auch T-Shirts, Hände und Gesichter sind weiß gepudert. Der Reihe nach stellen sich die Kinder auf. Jeder bekommt vorerst nur einen Löffel Teig, damit es reicht. "Ich hab' voll wenig", beschwert sich da schon Nazli. Sie ist es offenbar gewohnt, sich zu behaupten, immerhin muss sie sich zu Hause gegen drei Brüder durchsetzen.

Selbstbewusst durch das Leben zu gehen, lernen Mädchen und Buben bereits bei Teamtrainings in der Grundschule.

(Foto: Privat)

Kein Kind im Kurs gleicht dem anderen, ebenso unterschiedlich sind die Familiengeschichten. Bei den einen sind beide Eltern berufstätig, deshalb besucht der Nachwuchs die Ganztagsklasse. Andere haben zwei, drei oder mehr Geschwister und finden am Nachmittag in der Schule Unterstützung bei den Hausaufgaben. Nazlis Familie zum Beispiel kommt aus der Türkei. "Team und Spiel" soll auch jungen Menschen mit Migrationshintergrund helfen, im Schulalltag anzukommen.

Um allen den Bildungserfolg zu ermöglichen, nehmen die pädagogischen Fachkräfte regelmäßig an Weiterbildungen und Supervisionen teil. Damit die Schüler sich wohlfühlen, dürfen sie von der sechsten Klasse an selbst wählen, bei welchen Teamtrainings sie mitmachen möchten. Dreimal im Jahr suchen sie aus, welchen Kurs sie in den folgenden Monaten wahrnehmen. In der Klasse 5 g ist das noch anders. Zweimal die Woche kommen drei geschulte Pädagogen und bieten ein variierendes Programm an. Dazu gehören freies Spielen in der Turnhalle, Kochen im Schülercafé oder der Besuch von Spielplätzen und Parks in der Nähe. Gerade für Kinder wie den zwölfjährigen Tomas ist das wichtig. Wenn er zu Hause sei, sitze er oft auf der Couch und schaue fern, erzählt er.

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Durch "Team und Spiel" lernen die Schüler ihre Umgebung kennen. Sie finden heraus, welche Freizeitmöglichkeiten es gibt - außer Smartphone und TV. Das kommt bei den Fünftklässlern gut an. "Cool ist, dass wir rausgehen - in die Natur und so", sagt Neryem. Sie ist zehn und verbringt ihre Zeit gerne an der frischen Luft oder im Schwimmbad. Neryem hat lange Haare, die sie zu Zöpfen geflochten hat. Der eine ist mit einem orangenen Haargummi zusammengebunden, der andere mit einem quietschgrünen. Sie wippen mit, wenn sie mit den Schultern zuckt. Wie jetzt: "Ich fänd's gut, auch mal richtig rauszugehen. Nicht nur in den Park oder so." Das ist leider gar nicht so leicht, denn die Kursstunden dauern nur 90 Minuten.

Inzwischen riecht die Küche intensiv nach Kuchen. Ein paar Minuten dauert es noch, bis die Küchlein fertig sind. Das Warten vertreiben sich die Kinder mit Spielen. Einer der Jungen hat die Stereoanlage eingeschaltet. Zu "We no speak Americano" tanzen die Kinder durch das Café. Zwischendrin machen sie Pause, umarmen einander oder Propach und ihre Kollegin Klaudia Schmidt. Sie haben ein gutes Verhältnis zueinander. Im Gegensatz zu Lehrern, die die Klasse oft nur ein Jahr unterrichten, betreuen die pädagogischen Fachkräfte die Schüler mitunter über Jahre hinweg. Das führt zu einer besonderen Beziehung. Tomas findet das auch: "Wenn ich ein Problem hätte, würde ich das hier erzählen."

Endlich sind die dampfenden Kuchen bereit zum Verzieren. Es geht chaotisch zu, wenn elf Kinderhände gleichzeitig versuchen Schokostreusel aus Schälchen zu fischen. Kein Wunder, dass jemand weniger abbekommt. Eins der Mädchen guckt enttäuscht auf ihr karges Gebäck. Da fasst Nazli sich ein Herz, nimmt eine Handvoll Zuckerkügelchen von ihrem eigenen und sagt: "Schau, jetzt hast du immerhin was."