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Obergiesing:Am Bedarf vorbei

Neubauten auf dem alten Agfa-Gelände in München, 2017

Zweischneidig: Neubauprojekte wie das Agfa-Gelände werten Giesing auf, verursachen aber zugleich Verdrängungseffekte und soziale Härtefälle.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Teilnehmer der "Giesinger Gespräche" sind sich einig: In München wird noch immer zu wenig und zu teuer gebaut

Von Hubert Grundner, Obergiesing

"Giesing wird jünger, moderner, attraktiver - und teurer." Diese griffige Formel benutzte Horst Walter (SPD), der frühere Vorsitzende des Bezirksausschusses (BA) Obergiesing-Fasangarten, schon vor Jahren gerne, wenn er eine Prognose zur Zukunft des Stadtbezirks abgeben sollte. Sie besitzt bis heute Gültigkeit. Wobei das Leben nicht nur teurer, sondern für manche Menschen inzwischen sogar unbezahlbar geworden ist. Hauptursache dafür sind die extremen Miet- und Kaufpreissteigerungen auf dem Immobilienmarkt. Die Volkshochschule München Ost hat dies zum Anlass genommen, die siebte Auflage der "Giesinger Gespräche" unter das Motto zu stellen: "Giesing sozial - die Schattenseiten einer strahlenden Stadtteilentwicklung". Dazu begrüßte Moderator Winfried Eckardt am Dienstagabend an der Severinstraße als Gäste Carmen Dullinger-Oßwald (Grüne), die Vorsitzende des BA 17, sowie Gerhard Mayer, den Leiter des Amtes für Wohnen und Migration.

München prosperiere, die allgegenwärtigen Baukräne seien die neuen Wahrzeichen der Stadt. Trotzdem herrsche Wohnungsnot: Rund 9000 Menschen seien derzeit in München als wohnungslos gemeldet, etwa 13 000 warteten auf geförderten Wohnraum, beschrieb Eckardt die Ausgangslage. Die Hauptursache dafür sieht Gerhard Mayer im Zuzug von jährlich circa 25 000 Personen. Um sie unterzubringen, müssten 10 000 Wohnungen gebaut werden, tatsächlich entstünden aber nur etwa 8000 pro Jahr. Ein weiterer Grund für die Lücke, die sich hier auftut: Das Wachstum der Stadt, das 2005 einsetzte, wurde aufgrund langer Vorlaufzeiten und gesetzlicher Regelungen - Stichwort: Beteiligungsrechte - planerisch erst 2015 berücksichtigt. "Das heißt", so Mayer, "man muss jetzt noch einmal mehr bauen, um diese Lücke zu schließen."

Worauf Carmen Dullinger-Oßwald einwarf, dass Wohnungsknappheit schon Jahrzehnte früher geherrscht habe. Nur hätten es die Politiker bis heute versäumt, dagegen wirksame Instrumente zu entwickeln. Zumindest sollten jetzt die Erhaltungssatzungen intensiver genutzt und deren Anwendungsgebiete erweitert werden. Auch sprach sie sich für die Förderung von Genossenschaftswohnungen aus, von denen Giesing sehr profitiere. Konkret auf das Paulaner-Areal bezogen, monierte sie, dass es dort viel mehr Sozialwohnungen hätte geben müssen. Auch ärgere sie, so Dullinger-Oßwald, dass sich Investoren immer wieder von Verpflichtungen wie zum Beispiel dem Anlegen von Grün- und Spielflächen freikaufen können. Der freien Marktwirtschaft fehlt ihrer Meinung nach längst das soziale Korrektiv.

Ebenfalls mit Blick auf Paulaner kritisierte einer der etwa ein Dutzend Zuhörer, "es werden die falschen Wohnungen gebaut". Bei Quadratmeterpreisen von 20 000 Euro und mehr dränge sich ihm der Verdacht der Geldwäsche auf. Ähnlich hatte sich zuvor Eckardt geäußert: Überwiegend würden hochpreisige Wohnungen angeboten, die man sich auch mit gutem Einkommen oft nicht mehr leisten könne, von Geringverdienern ganz zu schweigen.

Dass in der Frage bezahlbaren Wohnens sozialer Sprengstoff steckt, war allen Diskutanten klar. Dabei verdeutlichten die verschiedenen Lösungsvorschläge die Größe des Problems. Doch gefragt nach seiner Antwort darauf, wollte sich Gerhard Mayer vor einer Antwort nicht drücken: Er sei für eine Bodenrechtsreform, um Bodenwertgewinne zugunsten der Gesellschaft abzuschöpfen. Außerdem wünsche er sich eine Reform des Mietspiegels, in den nicht nur Neuvermietungen einfließen sollen, sowie Erleichterungen zum Erlass von Erhaltungssatzungen.

© SZ vom 22.10.2020

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