Oberföhring Die Mischung macht's

Für den Prinz-Eugen-Park wird gerade ein Verkehrskonzept entwickelt. Dabei müssen sich viele verschiedene Bausteine zu einem funktionierenden Ganzen zusammenfügen, um die Belastung durch Autos deutlich zu verringern

Von Ulrike Steinbacher, Oberföhring

Wenn Bagger und Laster einmal weg sind, sollen im Wohngebiet Prinz-Eugen-Park möglichst wenig Fahrzeuge auf den Straßen zu sehen sein.

(Foto: Robert Haas)

Wenn die Mischung stimmt, könnte es klappen. Wenn es im neuen Wohngebiet Prinz-Eugen-Park in Oberföhring ein Angebot an alternativen Verkehrsmitteln gibt, mit dem die 4000 Bewohner etwas anfangen können, dann lassen manche von ihnen das Auto öfter in der Tiefgarage, ja, ein paar werden vielleicht sogar ganz auf einen eigenen Wagen verzichten. Ein Teil des Verkehrs, der die Straßen verstopft und die Luft verpestet, würde auf diese Weise also gar nicht erst entstehen. Und wenn es weniger Autos gäbe, käme man beim Bau neuer Häuser mit kleineren, also billigeren Garagen aus und hätte obendrein mehr Platz für andere Dinge. Nur - wie setzt man diese theoretischen Ideen in ein Mobilitätskonzept um, das in der Praxis funktioniert?

Endgültige Antworten auf diese Frage hat in München noch keiner. Nach dem Domagkpark in Schwabing-Freimann ist der Prinz-Eugen-Park erst das zweite Neubaugebiet mit einem solchen quartiersbezogenen Konzept. Und es ist das erste, in dem die Stadt München die Bauherrn der 1800 Wohnungen schon in der Ausschreibung darauf festgelegt hat, auf eigene Kosten einzelne Puzzleteile zum Verkehrsmittel-Mix beizusteuern, seien es Ladesäulen für Elektroautos, Lastenfahrräder oder Stellplätze fürs Car Sharing. Die 21 Bauherrn wiederum, die diese Vorschriften akzeptierten, bildeten für die Umsetzung erstmals geschlossen ein Konsortium. Mit der Koordinierung beauftragten sie die Stattbau München, die als Scharnier zwischen Stadt, Bauherrn und Bewohnern fungiert und das Verkehrs-Puzzle zu einem Mobilitätskonzept zusammenfügt. Im Juni wurde Stattbau beim Deutschen Verkehrsplanungspreis ausgezeichnet. Obwohl der Prinz-Eugen-Park noch eine Großbaustelle ist, versuchen die Koordinatoren schon jetzt herauszufinden, ob ihr Mobilitäts-Mix funktioniert: In seiner Masterarbeit an der TU-Ingenieurfakultät Bau, Geo, Umwelt analysierte Alex van gen Hassend erstmals die Effekte. Einfach war das nicht, denn als der 27-Jährige im vergangenen März seine Online-Befragung durchführte, war noch kaum ein Bewohner eingezogen, ja, die Mieter der städtischen Wohnungsgesellschaften Gewofag und GWG standen noch nicht einmal fest. Van gen Hassend kontaktierte über den E-Mail-Verteiler des Quartierrats 650 der 1800 Haushalte und bekam Antworten von 264. Unter ihnen sind die Genossenschaften mit 140 Befragten überrepräsentiert, gefolgt von Baugemeinschaften mit 94 und Bauträger mit 30 Teilnehmern. Obwohl Genossenschaftshaushalte "allgemein nachhaltiger und umweltbewusster" eingestellt seien als Vertreter von Bauträgern oder Baugemeinschaften und obwohl Gewofag- und GWG-Mieter gar nicht berücksichtigt sind, lassen sich nach van gen Hassends Meinung "trotzdem brauchbare Rückschlüsse" ziehen. Die Wahl des Verkehrsmittels richte sich nämlich hauptsächlich danach, ob jemand Mieter oder Eigentümer ist, "vor allem beim Pkw-Besitz unterscheiden sich beide Bewohnerklientele sehr deutlich".

Das gilt auch beim Modalsplit, der Verteilung der Fortbewegungsarten: Die Genossenschaftler gaben in der Umfrage an, sie würden 66 Prozent ihrer Wege zu Fuß oder mit dem Rad zurücklegen, 25 Prozent mit öffentlichen Verkehrsmitteln und nur neun Prozent mit dem Auto. Bei den Baugemeinschaften betrug der Auto-Anteil 18 Prozent, bei den Bauträgern 26.

Interessante Lektüre: Tobias Kipp, Alex van gen Hassend und Christian Stupka (von links) haben erste Mobilitätsdaten für den Prinz-Eugen-Park.

(Foto: Stephan Rumpf)

Trotz dieser Unterschiede ist der Anteil der Autofahrten insgesamt mit nur 14 Prozent überraschend niedrig. Er liegt weit unter den 40 Prozent, die die deutschlandweite Umfrage "Mobilität in Deutschland 2008" für Bogenhausen ermittelte. Diese Daten sind bereits zehn Jahre alt, liegen aber der offiziellen Verkehrsprognose für den Prinz-Eugen-Park zugrunde. Auf Basis des 40-Prozent-Anteils geht die Prognose von 9000 Autofahrten pro Tag aus - eine Zahl, die sich nach van gen Hassends Untersuchung in der Realität also mindestens halbieren müsste. "Schon beeindruckend", kommentiert Christian Stupka von Stattbau München, der die Masterarbeit als externer Betreuer begleitete.

Rückgrat des Mobilitätskonzepts, auch das macht die Befragung deutlich, ist ein funktionierender öffentlicher Nahverkehr. Weil die Tram nach St. Emmeram schon heute gut ausgelastet ist, seien künftig größere Straßenbahnen und ein dichterer Takt nötig, prognostiziert van gen Hassend. Außerdem liege der Ostrand des Quartiers ziemlich weit von der Haltestelle entfernt, eine zusätzliche Anbindung dort sei wünschenswert. Viele Befragte forderten auch eine Verlängerung der U 4. Damit die künftigen Bewohner tatsächlich das Fahrrad nehmen, müsse es genug Radl-Parkplätze geben, stellt van gen Hassend fest, "sowohl im eigenen Wohnhaus als auch an der Quartierszentrale und vor allem an der Tramhaltestelle". Auch Lastenräder zum Ausleihen seien gefragt.

Viele Teilnehmer gaben an, dass sie die Bausteine des Mobilitätskonzepts ausprobieren würden. Ganz aufs Auto verzichten wollten aber nur wenige. Das sei eine "Frage des Vertrauens", vermutete Tobias Kipp vom begleitenden Fachbüro Team Red. Wenn die Mischung stimmt, Tram und Bus funktionieren, Radeln kein Problem ist und Leihfahrzeuge zur Verfügung stehen, konnten sich aber rund 25 Prozent der Befragten vorstellen, ohne Auto zu leben. Bei insgesamt 219 Pkw der 264 Haushalte "ergibt sich damit eine Reduktion von 55 Autos", resümiert van gen Hassend.