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Nymphenburg:Im Höhenflug

Mit Hilfe eines städtischen Sonderförderprogramms stellt der ESV München einen komplexen Anbau mit sechs vielfältig nutzbaren Sporthallen hin. Die Indoor-Kapazität verdoppelt sich damit

Den roten Teppich rollt der ESV München seinen Gästen nicht aus. Graue Auslegeware jedoch bedeckt den makellosen Boden, um ihn nicht gleich überzustrapazieren. Schließlich stapfen an diesem Abend hunderte Menschen in Straßenschuhen durch die Halle, und auf dem Buffet stehen Platten voller Fingerfood. Der größte Breitensportverein der Stadt feiert in Nymphenburg die Fertigstellung seines neuen Anbaus. Und während in einem Raum viele erfreute und stolze Reden gehalten werden, nehmen in der Halle gegenüber kleine Turnerinnen, athletische Trampolinspringer und etwas martialisch ausschauende Kampfsportler die brandneuen Geräte und Matten in Besitz.

Es ist keine klassische Zweifach- oder Dreifachhalle, sechs unterschiedliche Räume hat der doppelstöckige Bau mit seinen großen Fensterfronten nach Süden und Westen hin: eine Multifunktionshalle etwa für Yoga, Pilates oder Zumba, eine Ballsporthalle, drei Hallen für die Kampfsportler und eine Akrobatikhalle, die mit neun Metern Höhe - dreimal so hoch wie die Umkleiden - den Trampolinspringern und den Menschenpyramiden der Cheerleader-Gruppe beachtlich viel Luftraum gönnt. Weil das Architekturbüro Stenger 2 und Partner aus dem Westend klug die Räume nicht hintereinander geschachtelt, sondern aufeinander gestapelt hat, konnte es aus 2600 Quadratmetern Fläche knapp 4000 Quadratmeter Nutzfläche herausschlagen.

Mit dem Neubau verdoppelt der ESV, dessen Sportpark bereits eine Dreifachhalle, vier Sportsäle und Außenanlagen unter anderem für Fußball, Feldhockey, Tennis und Beachvolleyball umfasst, seine Indoor-Kapazität. Davon profitieren nicht nur die 7800 Mitglieder in 26 Abteilungen und Gruppen, sondern auch der Sportunterricht der umliegenden Schulen und Kitas, die ESV-Ferienbetreuung für Kinder "Kibelino" sowie die schulübergreifende Mittagsbetreuung, die im Herbst 2016 eingerichtet worden ist.

Als der Sportverein 2006 von seinem alten Domizil an der Wotanstraße in den neuen, für 21,5 Millionen Euro errichteten Sportpark an der Margarethe-Danzi-Straße, zwischen Schlossmauer und Bahntrasse, umzog, hatte er 2000 Mitglieder. Binnen sieben Jahren schnellte ihre Zahl auf 6000, vor allem wegen der vielen Neubaugebiete entlang der Bahnachse. Der Sportpark war bereits wieder an seiner Leistungsgrenze angelangt, Trainingszeiten wurden knapp, für manche Abteilungen gab es Wartelisten. Der damalige Vorstand unter dem Vorsitz von Ansgar Ruggaber beschloss zu expandieren, mit einem Hallenanbau auf dem Areal des Allwetter-Sportplatzes. Stemmen konnte der Verein diese ehrgeizige Erweiterung allerdings nur mit Hilfe eines neuen Sonderförderprogramms der Stadt für Hallenneubauten. 7,8 der 13 Millionen Euro steuerte die Stadt bei.

Gute Konditionen

München wächst und braucht unter anderem dringend neue Hallenkapazitäten für Vereins- und auch Schulsport. Zusätzlich zur regulären Sportförderung hat der Stadtrat deshalb im Dezember 2015 ein Sonderförderprogramm für den Sporthallenbau von Vereinen aufgelegt, zusammen ergab das ein Budget von vier Millionen Euro. Die Konditionen der Sonderförderung: Die Stadt unterstützt 60 Prozent der Baukosten, 30 Prozent sind ein Zuschuss, 30 Prozent ein zinsloses Darlehen. Weitere 15 Prozent steuert der Freistaat über ein Darlehen bei, der Eigenanteil eines Sportvereins macht damit nur noch zehn Prozent aus. "So gute Konditionen bekommen Vereine so schnell nicht wieder", sagt eine Sprecherin des Sportreferats, "das löste einen richtigen Bauboom aus." An die Spitze setzte sich der ESV München, bereits im Bau ist auch eine Dreifachsporthalle beim TSV München-Ost für 12 Millionen Euro. Insgesamt wurden neun Großprojekte beantragt, die Stadt hat deshalb ihr Sportbudget noch einmal erheblich aufgestockt, auf 14,4 Millionen Euro für das Jahr 2018 und 12,47 Millionen für 2019. son

Fast elf Monate Warten auf die Baugenehmigung - das wollte ESV-Präsident Werner Dunzinger in seiner Lobeshymne an das "neue Kraftpaket des Vereins" schon noch einmal unterbringen - verzögerte die Zeitplanung und die für Herbst 2018 angepeilte Eröffnung zunächst. Nach dem Spatenstich im Juli 2017 aber ging alles flott voran, trotz mancher Unwägbarkeiten: So musste eine Baustellenzufahrt verlegt werden, weil die bei Bauherren so gefürchteten, streng geschützten Zauneidechsen in der Gegend herumhuschten; und damit die Schwingböden für die Dojo-Hallen noch rechtzeitig verlegt werden konnte, heuerte ESV-Geschäftsführerin Pia Kraske mehrere reisende Gesellen an.

Auch wenn das Gebäude noch eingerüstet ist, Teile der Fassaden noch mit Folie bedeckt sind - drinnen darf von diesem Montag an trainiert werden. Auch Werner Dunzinger steht, gedanklich jedenfalls, in den Startlöchern: "Ob wir schon am Ende des Ausbaus sind, scheint mir äußerst zweifelhaft." Schließlich entsteht an der Pasinger Paul-Gerhardt-Allee, vom ESV-Sportpark gerade einmal zehn Minuten mit dem Radl entfernt, das nächste große Wohnquartier, mit 7000 Menschen. Die 10 000-Mitglieder-Marke könnte der ESV München also in nicht allzuferner Zukunft reißen.