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Null Acht Neun:Wer killt Bambi?

Rudolf Neumaier mag Biber genauso gerne wie Hühner und Rehe.

Wenn der Bund Naturschutz eine "Anpassung des Wildbestandes" verlangt, dann weiß der Stammtisch beim Springerwirt ganz genau, was zu tun ist

Kolumne von Rudolf Neumaier

Am stattlichsten Mobiliar des Gasthofs Springerwirt, dem Tisch vor dem Portal, ist in dieser Woche beschlossen worden, aus dem Bund Naturschutz auszutreten. Beziehungsweise überhaupt nicht erst einzutreten. Wo kämen wir hin, wenn Naturschützer das Töten propagieren? "Anpassung des Wildbestandes", nennt der Bund Naturschutz das. Aber jeder Gast am Freiluft-Stammtisch weiß auch noch nach dem vierten Bier, was ein Euphemismus ist: Anpassung steht für ziemlich wahlloses Abballern von Hirschen und Rehen. Dem Universalbildungsbürger Peter, pensionierter Lehrer, passionierter Spazierradler und Freund der Musik, sind Naturschützer suspekt, die Hetzjagd auf Tiere betreiben. Er tritt aus und sein alter Freund Bruno, der fast schon einen Aufnahmeantrag ausgefüllt hatte, tritt nicht ein.

Fangen wir von vorn an. Wenn zum Beispiel Witwe Huber aus Feldmoching darum bittet, dass man endlich - wie früher auch - den Fuchs erschieße, der sich eine Henne nach der anderen holt, dann würde der Bund Naturschutz sagen: Aber Huberin, du kannst dein Geflügel schützen, kauf dir doch einen Zaun; der Hühnerschutz stellt keinen vernünftigen Grund zum Töten eines Fuchses dar, auch wenn es schon so viele Füchse gibt, dass sie in unsere Siedlungen drängen. Und was soll man sagen, Recht hat er, der Bund Naturschutz. Der Fuchs lässt sich anders abhalten als mit Schießgewehren.

Beschwert sich, noch ein Beispiel, der Häuslmann Meier, durch dessen Garten ein Bach läuft, über einen Biber, weil das Tier unterm Druck der Konkurrenz allzu vieler Artgenossen in seinen Garten gewandert sei und diesen untergrabe, sodass er mit dem Rasenmäher im Boden versinke, dann sagt der Bund Naturschutz: Schaun S', Meier, so ist halt die Natur. Und auch hier: Recht hat er. Ein vernünftiger Grund zum Töten des Tieres liegt erst mal nicht vor. Ist doch schön, dass er wieder da ist, der Biber! Peter, der frühere Lehrer, mag Biber auch, er bewundert ihre Tatkraft.

Aber jetzt sind wir beim Reh. Im Gegensatz zum Biber lässt es uralte Bäume stehen, doch es verspeist Mini-Tannen und Eichentriebe, wo ihm Schmackhafteres verwehrt ist. Nun fordert der Bund Naturschutz, es seien viel mehr Rehe zu schießen. Wo Bäume gepflanzt werden, wo also künstliche Waldplantagen wachsen, sei Rehen mit dem Schießgewehr heimzuleuchten. Die Naturschützer entwickeln Killerinstinkte und vergessen humanere Methoden der Schadensverhütung. Ruhezonen etwa, in die sich Rehe lenken ließen, wenn sie dort weder von Jägern noch von Waldbadern gestört werden. Oder Zäune. Oder die Soße aus Odel und Kalk, mit der Generationen von Bauern ihre Pflänzlinge ein-, zweimal im Jahr beim Waldspaziergang bestrichen. Pfui? Pfui!

Der Springerwirtuose Peter erwartet, dass bald wieder eine Drückerkolonne vom Bund Naturschutz mit Aufnahmeanträgen vor der Tür steht. Er ist eigentlich ein Verehrer von großen Sängern, er schätzt die Bässe Nicolai Ghiaurov, Gerhard Röder und Gerald Finley, aber für die penetranten Mitgliederwerber wird er eine Platte der Sex Pistols einlegen und sie mit dem Lied "Who Killed Bambi" in die Flucht schlagen. Peter hat zwar keine Hühner. Aber er würde beim Radeln gern mal wieder Rehe sehen.

© SZ vom 05.09.2020

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