Null Acht Neun:Saskia Esken an der Supermarkt-Kasse

Als Münchner steht man Innovationen grundsätzlich positiv gegenüber - es sei denn, man muss sich selber im Laden abkassieren

Glosse von Wolfgang Görl

Im Supermarkt unseres Vertrauens gibt es jetzt unbemannte Kassen, die dem Kunden das faustische Erlebnis bieten, zwei Seelen in seiner Brust zu fühlen. Konkret gesagt: An so einer Selbstbedienungskasse ist der Mensch Kassierer und Zahlender zugleich - eine aufregende Zwei-in-eins-Erfahrung, die man gleich ausprobieren muss. Scheint ja ein Kinderspiel zu sein: den gefüllten Einkaufskorb auf die Ablage legen, jeden Artikel einscannen und dann abkassieren. Blöd nur, dass der Scanner schon bei der Salatgurke ins Stocken kommt. Aus dem Gerät ertönt eine Frauenstimme, sie klingt streng wie Saskia Esken, nur ohne schwäbischen Einschlag: "Wählen Sie aus der Liste!" Verdammt, welche Liste? Kaum ist das geklärt, weigert sich der Scanner, die Leberkässemmel zu akzeptieren. Von hinten ist ungeduldiges Stöhnen zu hören - wahrscheinlich die drei Schüler, die ihre Cola zahlen wollen. Hat da einer "alter Depp" gesagt? Egal, nun muss es schnell gehen, aber schon funkt Saskia Esken dazwischen: "Coupon einstecken!" "Unerwarteter Artikel!" Jetzt hilft nur noch Flucht, ohne Ware natürlich. Das Hohngelächter der Schüler wird noch Wochen nachhallen.

Als Münchner steht man Innovationen grundsätzlich positiv gegenüber, das war schon immer so. Hier fuhr bereits 1840 die Eisenbahn, hier wurde der Steindruck erfunden und angeblich sogar die Weißwurst. Stets begrüßten die Einheimischen derartige Neuerungen, mit Ausnahme einer beträchtlichen Mehrheit, die jede Erfindung als Teufelszeug betrachtete. Selbst die Weißwurst hat ja bis heute Feinde, die behaupten, sie sei nur als Unterlage für den Senf genießbar. Was das digitale Teufelszeug betrifft, ist die Sache klar: Wer heute in München auf die Welt kommt, hat bereits ein Smartphone an der Nabelschnur und ist schon als Fünfjähriger in der Lage, Spionagesoftware in die Rechner des Pentagons einzuschleusen. Gut, nicht alle können das. Einige scheitern schon an der SB-Kasse im Supermarkt. Blamabel ist das, ja fast so peinlich wie Hubert Aiwanger.

Andererseits ist es aber auch frech, dass einem der Supermarkt Arbeit aufhalst, die sonst die Kassiererin erledigt. Überhaupt muss man längst alles selber machen, wofür es früher gut ausgebildetes Personal gab. Noch unangenehm erinnerlich ist die eigenhändig im Internet gebuchte Urlaubsreise, bei welcher der Flug nach Athen über die russische Halbinsel Kamtschatka führte und das Hotel mit Meerblick eine Baustelle war. Und jetzt das Desaster im Supermarkt. Künftig wird man sich wieder in die endlose Schlange derjenigen einreihen, die vor der herkömmlichen Kasse stehen. Es ist die Reihe der digitalen Neandertaler, der Menschen von gestern. Nie hätte man gedacht, einmal dazuzugehören. Hilft nichts, die Tatsachen sprechen eine andere Sprache. Man wird der Kassiererin einen um Verzeihung bittenden Blick zuwerfen, weil man an der SB-Kasse fremdgegangen ist. Sie wiederum wird so langsam arbeiten wie immer und zum tausendsten Mal vergeblich fragen, ob man eine Kundenkarte hat. Nervtötend. Hoffentlich gibt es sie noch lange.

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