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Null Acht Neun:Gelb ist die Hoffnung

Wer macht sich in normalen Zeiten schon Gedanken über die Schönheit amtlicher Dokumente? Und so fällt erst jetzt auf, wie der internationale Impfpass ästhetisch heraussticht aus all den Lappen, die der Mensch so ansammelt

Kolumne von Nadeschda Scharfenberg

Der internationale Impfpass sticht ästhetisch heraus aus all den Lappen, die der Mensch in seinem Leben so ansammelt. Das hätte einem längst auffallen können, ja müssen, doch wer macht sich in normalen Zeiten schon Gedanken über die Schönheit amtlicher und halb-amtlicher Dokumente? Man muss sich zum Vergleich nur mal den engsten Verwandten des Impfpasses anschauen, das Bonusheft vom Zahnarzt in seiner beigefarbenen Speckigkeit. Welch Unsympath!

Farblich kann es mit dem Impfpass höchstens der schweinchenrosa Führerschein aufnehmen, zum Nachteil gereicht diesem aber das Teeniefoto aus den Neunzigern, und ungültig ist er irgendwann sowieso. Das Nachfolgemodell aus Plastik geht optisch unter im Allerlei aus Versicherungs-, Kredit- und Treuepunkte-Karten sowie dem Personalausweis, der ja auch längst der ISO-Norm 7810 unterliegt.

Die "Internationale Impf- oder Prophylaxebescheinigung", wie das Impfbüchlein auf Bürokratisch heißt, ist zum Glück noch nicht im Chipkarten-Zeitalter angekommen. Es erzeugt nämlich jedes Mal einen innerlichen Freudenhopser, wenn sich zwischen all den schlechten Nachrichten ein Impfpass-Beweisfoto aufs Handy schummelt. Na bitte, es geht doch was vorwärts, da haben wir's, schwarze Stempelfarbe auf sonnengelbem Papier.

Den Anfang machte im Januar eine befreundete Krankenschwester mit einem Impfbuch-Ausschnitt auf Facebook. Seither sprießen die Gelbtupfer in den Netzwerken und Chats wie die Osterglocken in den Vorgärten, erst spärlich, zuletzt immer zahlreicher. Sie bringen, trotz oder gerade wegen all der Impfstoff-Wirren, Licht ins Corona-Grau: die abfotografierten Impfpässe der Lehrer und Erzieherinnen im Verwandten- und Bekanntenkreis, des Freundes mit der schwachen Lunge und endlich auch der Eltern, gestempelt von einer Frau Feuerstein. Da taucht vor dem inneren Auge erst Wilma Feuerstein mit einer Riesenspritze auf, dann das Bild von einem Familiengrillen im Sommer - und von der ersten Umarmung seit eineinhalb Jahren.

Der eigene Impfpass ist vorsorglich aus seinem Dämmerschlaf im Leitz-Ordner geweckt worden, hoffentlich kommt er zum Einsatz, bevor er durch ein Chipkartendingsbums ersetzt wird - allein für das Hochgefühl, das gestempelte Amtlichkeit auslösen kann. Für die Chipkartenindustrie hätten wir derweil einen Alternativvorschlag: Presst doch einfach das Zahnarzt-Bonusheft in eure ISO-Norm.

© SZ vom 03.04.2021
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