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Null Acht Neun:Ein Sakrament gegen Gürtelrose

Die katholische Kirche hat es nicht leicht, sich den Menschen zu vermitteln. Ihr Vokabular ist genauso unverständlich wie ihre Dogmen. Kein Wunder, dass Kardinal Marx nun lieber einen Posten abgibt

Ein Sakrament? Der Großteil der Münchner kann sich höchstwahrscheinlich nur noch vage daran erinnern, was das ist. Lautmalerisch betrachtet klingt "Sakrament" nach einer stacheligen Vorrichtung, mit der man sich kratzen kann. Meine Gürtelrose juckt, Schatz, gibst du mir bitte mal das Sakrament rüber? Oder der Begriff Eucharistiefeier. Schon mal gehört, aber was für eine Feier soll das bitte sein, die sich so umständlich spricht, dass die Zunge Gänsehaut bekommen möchte? Eine Party vielleicht, auf der fünf Wochen altes Schwarzbrot mit viel Zitrone und Reißnägeln serviert wird? Nein, die katholische Kirche hat es nicht mehr leicht, sich den Menschen zu vermitteln. Ihr Vokabular ist vielen genauso unverständlich wie es ihre Dogmen sind.

477 140 Menschen in dieser Stadt gehörten bei der letzten Erhebung Ende 2018 der katholischen Kirche an; das waren dem kommunalen Statistikamt zufolge 30,9 Prozent. Man kann es so sehen: Nicht einmal ein Drittel der Münchner bekennt sich heute noch zur katholischen Kirche. Man kann es aber auch so sehen: Immerhin fast ein Drittel der Münchner bekennt sich immer noch zu ihr. So oder so - es werden Jahr für Jahr, Monat für Monat weniger. In dieser Woche dürfte Papst Franziskus wieder einen Schwung vergrault haben. Er teilte unter anderem mit, dass Bischöfe mehr beten sollen, damit es mehr Priesternachwuchs gibt. Und dass ansonsten alles beim Alten bleibe.

Wer die päpstliche Ansage auch nur in Bruchstücken nachliest, kann sich leicht denken, warum der Münchner Erzbischof Reinhard Marx, bekanntlich eher ein Reformkleriker, seinen Posten als Leiter der deutschen Bischofskonferenz dankend abgibt. Der Mann muss die Nase so gestrichen voll haben von dem sturen, starren, steifen Laden, dass sie ihm alle den Schuh aufblasen können. Da erarbeitet man mit den Bischofskollegen Konzepte für mehr Weltoffenheit, da legt man sich mit herzlosen Betonköpfen im Vatikan an, da fliegt man alle naslang nach Rom und gibt dem Chef Tipps, und dann macht er's genau anders - da bleibe ich lieber daheim, in München, Amen. Recht hat er, unser Kardinal. Für die paar übrig gebliebenen Münchner Katholiken ist es auch nicht schlecht, wenn ihr Oberhirte wieder präsenter wird: Ein Geistlicher mehr in der Stadt.

Mit dem Kirchenaustritt ist es so eine Sache. Die mit Aversionen gegen weltfremde Dogmen gespeiste Vernunft ringt mit der Familientradition und einer Gewissensschuld gegenüber den kreuzkatholischen Großeltern, die im Himmel Engelstränen vergießen würden, wenn ihr Enkel austräte und die Sakramente drangäbe. Beim Sakrament geht's ja nicht um Gürtelrosen, sondern ums Seelenheil. Es gibt so etwas wie einen angeborenen Glauben daran, dass man nur in den Himmel kommt, wenn die Funeralien passen. Wenn also der Sarg vor einem segnenden Priester in die Grube fährt. Wären nun aber alle Münchner katholisch, dann wäre das in Zeiten des Priestermangels ein Fluch für die wenigen Pfarrer. Sie hätten keine Zeit mehr für Eucharistiefeiern, weil sie nur noch auf Friedhöfen herumstünden. Mit Gänsehaut vor Kälte.

© SZ vom 15.02.2020
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