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Null Acht Neun:Die Kunst der Wohnungssuche

An Litfaßsäulen schreiten viele Münchner oft unaufmerksam vorbei - das ist ein Fehler

Glosse von Laura Kaufmann

Das wundersame Zeitempfinden im Jahr 2020 traf auch die Litfaßsäulen dieser Stadt, die tapfer von Konzerten und Veranstaltungen kündeten, die nie stattfinden würden und nie stattgefunden haben. Hoffnungslose Optimisten, diese Litfaßsäulen. Stets daran erinnernd, was hätte sein können. Eine, nahezu nackt am Johannisplatz stehend, hatte während des ersten Lockdowns jemand bunt angemalt: "Ruft alle an, von denen ihr denkt, dass sie einsam sind!"

Einst waren die Litfaßsäulen, erfunden vor 165 Jahren vom Berliner Druckerbesitzer und Verleger Ernst Litfaß, dazu gedacht, der Wildplakatiererei ein Ende zu bereiten. Ausgerechnet in Berlin war man besorgt um die Ordentlichkeit des Stadtbilds. Heute gibt es Zehntausende Litfaßsäulen allein in Deutschland, mancherorts dient der Hohlraum in ihnen als Toilette, als Ticketautomat, als Blumenladen oder, wie in Wien, als Ausgang aus den Abwasserkanälen.

Die Münchner Litfaßsäulen verhalten sich vergleichsweise unauffällig. Sie sind eben da und kündigen an, oder eben nicht. Aber zwischen der Maxvorstadt und Schwabing, da tut sich was. Zumindest diese Woche. Kunst auf Litfaßsäulen, das ist keine ganz neue und auch keine Münchner Erfindung, aber eine sehr charmante. Das Kollektiv Munich Pop Art bespielt sieben Litfaßsäulen, jede ist von einem Künstler gestaltet. Ein Spaziergang an der frischen Luft trägt an geballten Disney-Fäusten und kaugummiblasenden Superheldinnen vorbei. Und an einer Wohnungsanzeige. Die stammt von Josephine Kaiser und ist nun gar nicht so kunstmetaeben, wie man meinen könnte: Ihr Vermieter hat Eigenbedarf angemeldet. Die Litfaßsäule ist also so etwas wie der Zettel, der sonst an der Straßenlaterne hängt (suche Wohnung, würde gerne im Viertel bleiben, spiele kein Instrument), nur in groß. Wer ko, der ko, sagt der Bayer. Es muss schließlich auch Vorteile haben, in München Künstler zu sein und nicht Anwalt oder Arzt.

Dem umtriebigen Ernst Litfaß hätte die Idee sicher gefallen. Einst gründete er gar eine Künstlervermittlung, die er nach drei Jahren allerdings wieder schließen musste. Nun übt sich eine seiner Säulen in der Wohnungsvermittlung für Künstler. Und das wiederum passt ganz hervorragend ins mietmarktgeplagte München.

© SZ vom 28.11.2020
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