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Null Acht Neun:Bei Papp-Frank und Karton-Susi

Zuschauer fehlen vielerorten, in den Theatern aber werden sie besonders schmerzlich vermisst

Glosse von Christiane Lutz

Was waren das für Zeiten, damals, im Januar, im Theater. Auf der Toilette musste man anstehen, man drängte sich durch volle Reihen zum Platz, so viele Menschen waren da. Und während der Vorstellung wusste man gar nicht, was einem mehr die Sinne vernebelte: die ergreifende Kunst oder doch das Parfüm, das aus dem toupierten Haupthaar der Vorderfrau entschwebte. Da war zuverlässig der Ellbogen des Nebenmannes, mit dem man wortlose Kämpfe um die Vorherrschaft auf der gemeinsamen Armlehne austrug.

Im Theater ist es einsam geworden. Kammerspiele, Residenz- und Volkstheater haben jede zweite Reihe ausgebaut, zwischen allen Sitzen sind zwei, drei Plätze frei. Versuche, mit dem fernen Nebenmann solidarischen Augenkontakt aufzunehmen, scheitern. Vielleicht hält er das aggressive Zublinzeln hinter der Maske für einen jämmerlichen Flirtversuch? Auch Schauspieler klagen, wie mühsam es sei, in einen leeren Raum hinein zu spielen. Weil so dünn besiedelt, könnten sie jetzt außerdem erkennen, wer da sitzt. Das wolle man ja nun auch nicht.

Eine Berliner PR-Beratung bietet nun an, was Fanklubs von Bundesligisten und TV-Shows längst kennen: individualisierte Papp-Zuschauer. "Support in schwierigen Zeiten", heißt es auf einem Werbeflyer, elf Euro das Stück, inklusive Brandschutz-Zertifikat. Nun ist bisher nicht bekannt, ob Fußballspieler wirklich besser treffen, wenn Papp-Frank und Karton-Susi stumm von den Rängen grinsen.

Um den Schauspielern möglichst echte Publikums-Atmosphäre zu vermitteln, muss man daher weitergehen. Statt nur dümmlich grinsender Köpfe braucht es im Portfolio auch das Modell "kurz eingenickt", einen Papper mit Kopf im Nacken, Modell. Und den Aufsteller "gelangweilter Schüler", bei der die Figur hin und her zappelt. "Der Kaugummi-Kauer", "das Pärchen", "der Theaterwissenschaftler", "die Frau, die auf ihr Handy schaut und denkt, es merkt keiner". Unerlässlich für das olfaktorische Gesamterlebnis sind außerdem Haarsprays und altbackene Damendüfte, die im Raum verteilt werden müssen. Für die volle Support-Experience kommt vom Band ein Handyklingeln mit anschließenden hektisch Wühlgeräuschen. Aber erst, wenn das authentische Knistern eines Bonbonpapiers erklingt, ein Bonbon, in Zeitlupe entrollt im Moment allerhöchster Dramatik, ein Bonbon, das dann gut hörbar gegen die Zähne des Lutschenden klopft, erst dann ist es fast wie immer, im Theater.

© SZ vom 24.10.2020
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