bedeckt München 11°

Neuried:Tonleitern hinter Spuckschutz

Musikstunde zu Zeiten von Corona, Musikschule Neuried. Klarinettenunterricht mit Marion Strutynski (Lehrerin) und Ida Werner (Schülerin)

"Pass auf, dass du mir nicht die Pause klaust": Lehrerin Marion Strutynski mit ihrer Klarinettenschülerin Ida Werner.

(Foto: Florian Peljak)

Nach Wochen des Probens via Skype ist zumindest der direkte Einzelunterricht an der Musikschule wieder möglich. Chöre, Ensembles und Big Bands müssen hingegen noch warten

Von Johannes Korsche, Neuried

Marion Strutynski und die neunjährige Ida trennt nur noch ein Aufsteller, von dem aus eine durchsichtige Plastikwand Richtung Decke gezogen ist. Immerhin ist es keine ab und an stockende Internetverbindung mehr wie in den vergangenen Wochen, als sie sich zum Musizieren per Skype trafen. Ida lernt seit fast zwei an der Musikschule Neuried Klarinette. In den vergangenen Corona-Wochen aber etwas anders als gewohnt. Denn beim Unterricht per Videotelefonie dauerte die Übertragung ein bisschen zu lang. Sie konnten deswegen seit Mitte März nicht miteinander spielen. Man kann sich das etwa so vorstellen wie bei einem Orchester, dessen Musiker beschlossen haben, den Dirigenten einen guten Mann sein zu lassen, und sich selbst den Einsatz und das Tempo auszusuchen. Nein, "das Zusammenspielen geht da nicht", sagt Ida. Durch die Plastikwand, die als Spuckschutz in dem Raum steht, schon.

Unter Auflagen zur Eindämmung des Coronavirus ist seit Kurzem wieder Einzelunterricht in der Musikschule möglich. Das beginnt bereits vor dem Eingang zur Mehrzweckhalle, in der die Musikschule derzeit viele Räumen "bespielt". Denn bevor es hineingeht, kramen die Besucher ihren Mundschutz aus den Taschen, der ist auf den Gängen Pflicht. Der Hallenbadduft von Chlor erinnert daran, sich als erstes im Gang die Hände am Spender zu desinfizieren. Eben alles ein bisschen anders. Auch für Musikschulenleiter Christoph Peters, der gut gelaunt das Treiben in den Gängen beobachtet. "Musikschule ist Begegnung und Miteinander", sagt er. Endlich ist das zumindest teilweise wieder möglich. Auch wenn es ohne die Chöre, Ensembles und Big Bands, die von den Lockerungen bisher noch nicht eingeschlossen sind, einfach nicht das Gleiche sei.

Natürlich nicht, auch nicht in den Einzelstunden. Der Raum, in dem Ida mit Marion Strutynski übt, ist fast groß wie der Sitzungssaal des Neurieder Bauausschusses, der genau ein Stockwerk darüber liegt. Nur dass sie eben mit großem Abstand zu zweit in dem Raum sind und nicht zu zehnt wie die Gemeinderäte. Und den Spuckschutz haben die Musiker den Politikern auch voraus. Auch wenn der schon "nervt", wie Ida achselzuckend sagt. Aber er ermöglicht, dass Strutynski wieder Tipps geben kann, wie: "Pass auf, dass du mir nicht die Pause klaust". Denn kleinere Fehler fallen nun wieder mehr auf als beim Online-Unterricht. Da habe sie nicht gewusst, ob es an der Verzögerung der Übertragung liegen könnte, wenn Ida vielleicht doch mal eine Pause geklaut habe, berichtet die Musiklehrerin. Die größte Veränderung - und der Grund für die gute Laune des Schulleiters - hört man etwa zehn Minuten nach Unterrichtsbeginn, nachdem Strutynski angekündigt hat: "Ich gehe jetzt auf die zweite Stimme." Die Töne fließen ineinander, Musikschulen-Miteinander.

Während der vergangenen Wochen, als das öffentliche Leben quasi stillstand, habe er den "gesellschaftlichen Auftrag der Musikschulen gemerkt", sagt Schulleiter Peters. Er erzählt von Eltern, die "unglaublich dankbar" gewesen sein, dass die Musikstunden zumindest virtuell weitergelaufen seien. "Kinder hatten in der Zeit ja gar nichts." Keine Schule, keine Treffen auf dem Spielplatz mit den Freunden. Dass sein Team das Angebot aufrecht erhalten habe, sei nur dank der "guten Musikschulenfamilie" möglich gewesen. Und wie das in Großfamilien so ist, bringt die Musikschule mehrere Generationen zusammen. 1200 Schüler erreichen die Angebote jedes Jahr, von den Vierjährigen in der Orff-Instrumenten-Gruppe bis hin zum über 80-Jährigen, sagt Peters.

Noch so eine Parallele zur Familie, die Peters stolz erzählt. Die "große Solidarität von den Eltern", die seine Schule "auch finanziell am Laufen gehalten haben". Auch die Politik unterstützt die Musikschule - nicht nur beim Neubau des Schultrakts, wo die Musiker ein eigenes Geschoss erhalten. So hat zum Beispiel die CSU Neuried 1000 Mundschutzmasken gespendet - "quer durch alle Parteien genießt die Musikschule einen großen Stellenwert", sagt Peters. Spurlos geht die Corona-Pandemie aber auch an der Musikschule nicht vorbei. Seit April muss Peters jeden Monat mit 6500 Euro weniger auskommen. Die 40 angestellten Musiklehrer sind in Kurzarbeit. Viele davon seien ohnehin in Teilzeit beschäftigt. Da habe er sich schon Gedanken gemacht, wo diese Mitarbeiter nebenbei noch Geld verdienen könnten. Denn gerade für Berufsmusiker bedeutet die Corona-Pandemie auch: keine Live-Konzerte oder Studioaufnahmen. "Das lag alles brach." Immerhin: Für die Musikschule "denke ich, dass wir mit einem blauen Auge davongekommen sind."

Aktuell laufen die Anmeldungen für das kommende Schuljahr. Da hofft Peters, dass "kein Kind wegen der Folgen der Corona-Pandemie außen vor bleibt." Manche Eltern wüssten vielleicht gerade nicht, ob es finanziell drin sei, ihr Kind auch kommendes Jahr in den Musikunterricht zu schicken. Denn ganz billig ist die Musikschule nicht, Idas Eltern zahlen für die 25 Minuten wöchentlichen Einzelunterricht 70 Euro im Monat. Wer mit Blick auf das Konto daran denke, sein Kind von der Musikschule abzumelden, solle unbedingt auf ihn zukommen, sagt Peters. "Wir sind da sehr offen", betont er. Da ließe sich dann bestimmt zum Beispiel über den Förderverein der Musikschule eine Lösung finden.

Ida steht nach ihrer Stunde wieder vor der Halle und wartet auf ihre Mutter. Und hört Peters zu, wie er davon erzählt, bereits seit 42 Jahren Gitarre zu spielen. Ob sie sich das vorstellen könnte, in 42 Jahren noch Klarinette zu spielen? "Joah, meine Mama spielt ja auch schon lange." Die Musikschule "ist die einzige Bildungseinrichtung Neurieds, die jemand ein Leben lang begleiten kann", sagt Peters. Er könnte Recht behalten - bei Ida und den anderen.

© SZ vom 21.07.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite