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Neuhausen:Zweifelhafte Ehre

Schritten selbst zur Tat: Wolfram Kastner (re.) und HP Berndl brachten 2015 eine eigene Denktafel an. Sie wurde schnell wieder entfernt.

(Foto: Catherina Hess)

Neue Forschungen der Geschichtswerkstatt scheinen den Aktionskünstler Wolfram Kastner zu bestätigen. Die umstrittene Inschrift am Denkmal für gefallene Eisenbahner haben die Nazis 1935 umgetextet

Von Sonja Niesmann, Neuhausen

Einfach fünf Metallbuchstaben - ein R, ein U, ein H, ein M und ein D - aus dem steinernen Sockel gezupft und schon stand da anstatt "Sie starben für Deutschlands Ruhm und Ehre" der Satz "Sie starben für Deutschlands Unehre". So geschehen im Februar 2015 an einem Denkmal für die im Ersten Weltkrieg Gefallenen der Bayerischen Eisenbahntruppe, das auf einer Wiese vor dem Bundeswehr-Dienstleistungszentrum an der Dachauer Straße 128 steht. Ans Werk gemacht hatte sich wieder einmal Wolfram Kastner, seit vielen Jahren bekannt für seine provokanten Aktionen, die meist Überreste von Militarismus und Nazismus anprangern. Einige Wochen später brachte Kastner gemeinsam mit Hans-Peter Berndl noch eine eigene Denktafel an, mit der Inschrift: "Wir trauern um alle, die im Weltkrieg 1914-1918 ihr Leben verloren. Die Toten mahnen uns, mit allen Kräften für Frieden zu sorgen und Kriege zu verhindern." Diese Aktion hat dem Münchner Künstler ziemlich viel Ärger eingetragen, mit der Bundeswehr, mit Bürgern, mit Veteranen-Vereinen; wegen Sachbeschädigung und Störung der Totenruhe wurde er auch gerichtlich in zwei Instanzen verwarnt. Locker gelassen hat er trotzdem nicht.

Nun mischt sich auch der Neuhauser Bezirksausschuss (BA) in die Sache ein. Anlass sind neueste Recherchen der Neuhauser Geschichtswerkstatt, veröffentlicht in Heft 45 der "Werkstatt-Nachrichten", das im Dezember 2020 erschienen ist. Der Originaltext an dem 1923 enthüllten Denkmal, so hat Franz Schröther herausgefunden, lautete nämlich: "Sie glaubten zu sterben für Deutschlands Ruhm und Ehr" - ein kleiner, aber feiner Unterschied. Die Nationalsozialisten änderten 1935 den Text - und eben diese Fassung ist nach der Beschädigung des Denkmals 1945 und der Wiederaufstellung durch die Bundeswehr 1962 immer noch dort zu lesen.

"Hochgradig problematisch" findet das Jörn Retterath, SPD-Mitglied im Bezirksausschuss und Historiker. Die Änderung der Inschrift in der Frühphase des "Dritten Reichs" stehe im Kontext der propagandistischen Vorbereitung der Bevölkerung auf einen neuen Krieg, verkläre den Ersten Weltkrieg und schwöre junge Männer auf den soldatischen Kampf und den "Heldentod" ein. Das öffentlich zugängliche Denkmal unweit des gut besuchten Olympiaparks könne, so Retterath, "den (falschen) Eindruck erwecken, dass die Inschrift dem heutigen Selbstverständnis der deutschen Streitkräfte entspricht". Dem sollte die Bundeswehr entschieden entgegentreten - indem sie entweder den Text ändert oder ihn auf einer gut wahrnehmbaren Informationstafel in den historischen Zusammenhang stellt. Dem entsprechenden Antrag Retteraths, gerichtet an das Bundesfinanzministerium, das für die Bundeswehr-Immobilie zuständig ist, schloss sich der Bezirksausschuss in seiner jüngsten Sitzung einstimmig an.

Eine zusätzliche Erklärtafel hat das Bundesverteidigungsministerium Wolfram Kastner übrigens schon im vergangenen Herbst schriftlich angekündigt - angebracht ist sie jedoch bis heute nicht. Eine Änderung des Textes, des "martialischen Nazi-Spruchs", wie Franz Schröther es ausdrückt, lehnte die Bundeswehr dagegen ab. Mit dem Argument, es handle sich bei dem Gefallenen-Denkmal um ein historisches Zeugnis, das aus Denkmalschutzgründen unverfälscht erhalten werden solle. Dieses Argument, sagt Schröther, sei ja nun wohl hinfällig: "Wenn man von Denkmalschutz spricht, sollte man auch den ursprünglichen Text, der mit Recht daran zweifelte, ob die Soldaten für ,Ruhm und Ehre' gefallen sind, dort wieder anbringen."

© SZ vom 22.01.2021
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