Neuhausen "Irgendwo ist halt das Ende"

Auf dem Papier gibt es ihn schon: Auf langgestreckten Skizzen studierten die Bürger bei dem Infoabend den Verlauf des Tunnels.

(Foto: OH)

Knapp 1,5 Kilometer lang, mindestens 537 Millionen Euro teuer, grün an der Oberfläche, viele Unwägbarkeiten: Das Baureferat stellt den Bürgern die Vorplanung für den Tunnel an der Landshuter Allee vor

Von Sonja Niesmann, Neuhausen

150 000 Fahrzeuge, so die Prognose, werden sich im Jahr 2030 täglich über die Landshuter Allee wälzen, und auch ein Tunnel wird diese Kolonnen nicht flüssiger rollen lassen. Den Lärm und die Schadstoffe, unter denen die Anwohner an diesem Teil des Mittleren Rings leiden, wird die Röhre mit den drei geplanten Spuren in jede Richtung allerdings deutlich verringern - wenn auch nicht für alle Anwohner, schränkte Frank Frischeisen ein. Der für U-Bahn- und Tunnelbau zuständige Baudirektor stellte am Dienstagabend im Adolf-Weber-Gymnasium etwa 100 Bürgern die Vorplanung für den Tunnel vor.

Sauberer, ruhiger und grün wird es im nördlichen Abschnitt zwischen Dachauer und Leonrodstraße. Oberirdisch bleibt eine Fahrspur in jede Richtung, auf der nur noch 4500 Autos täglich erwartet werden, "praktisch eine Anliegerstraße", so Frischeisen. In der Mitte, auf der Tunneldecke, zieht sich ein 30 Meter breites, grünes Band: Raum für Spielplätze oder kleine Parkanlagen. Ost-West-Querungen wird es dort für Autos nicht geben, um keinen (Schleich-)Verkehr in die Wohnviertel zu holen. Am Nordportal, wo der Verkehr wieder an die Oberfläche kommt, wird sich die Lärmbelastung allerdings nicht bessern. Geplant ist aber, wenigstens die Borstei mit einer 330 Meter langen, 5,5 Meter hohen Wand abzuschirmen. Eine von einem Zuhörer gewünschte Einhausung der Rampe "kann man prüfen", sagte Frischeisen, eine Tunnelverlängerung unter der Dachauer Straße hindurch sei dagegen nicht geplant: "Irgendwo ist halt das Ende."

Geprüft wird im Auftrag des Stadtrats jedoch eine Verlängerung nach Süden, unter der Arnulfstraße hindurch, aus zwei Gründen: Ab der Hirschbergstraße, wo der Verkehr wieder an die Oberfläche kommt, können die Grenzwerte für Schadstoffe nicht eingehalten werden; es wird dort auch kein bisschen leiser als bisher sein, eher lauter sogar. ("Ich könnte in Tränen ausbrechen, wenn ich das höre", kommentierte eine Frau, die an der Ecke Landshuter Allee, Wilderich-Lang-Straße wohnt). Zudem ist dort nicht genug Platz für die Ein- und Ausfahrten, für Straße und Radwege. Diese Verlängerung von 1,4 auf 1,5 Kilometer Strecke würde die auf 537 Millionen Euro geschätzten Kosten weiter in die Höhe treiben. Andererseits käme durch den Teilabbruch der Donnersbergerbrücke deren Sanierung, die in zehn bis 15 Jahren ansteht, womöglich billiger.

Warum man den Tunnel nicht gleich ganz unter der Bahntrasse durchgrabe und an den Trappentreutunnel anschließe, wollte eine Zuhörerin wissen. Weil man sehr tief unter dem Tunnel für die zweite S-Bahn-Stammstrecke durch müsste, entgegnete Frischeisen: "So extrem steil können wir nicht ab- und wieder auftauchen". Der Forderung eines Anwohners, die Nymphenburger Straße künftig vom Tunnel abzuhängen, erteilte Frischeisen ebenfalls eine Absage. Diese Anbindung an den Mittleren Ring sei im gesamtstädtischen Verkehrskonzept vorgesehen.

Zu früh ist es in diesem Stadium der Vorplanung laut Baureferat für konkrete Aussagen über die Abluftkamine. Eine Anwohnerin hat jedoch bereits fleißig Unterschriften für Filteranlagen in den Kaminen gesammelt und diese sowohl dem Stadtrat als auch in einer Petition dem Landtag überreicht. Auch zu Baustelleneinrichtungen und Bauzeit könne man jetzt noch nichts Verbindliches sagen, erklärte Frischeisen. Eines aber ist klar: Wenn der bestehende, 363 Meter lange Tunnel abgebrochen wird und aller Verkehr an die Oberfläche muss, wird es höllisch zugehen, vor allem an der Kreuzung mit der Nymphenburger Straße.

"Vor 2030 wird es wohl nichts mit der Eröffnung", schätzte Anna Hanusch (Grüne), die Vorsitzende des Neuhauser Bezirksausschusses, angesichts der Überlegungen für eine Tunnelverlängerung. 2030 aber werden E-Mobilität und neue Techniken die Emissionen, vor allem den Ausstoß von Stickstoffdioxid, längst so verringert haben, dass der teure Tunnel überflüssig sei, meinte Nikolai Lipkowitsch. "Man hat doch gesehen, wie sich die Feinstaubproblematik erledigt hat." Wie seine ganze Grünen-Fraktion im Bezirksausschuss und auch die Stadtrats-Grünen ist er ein erklärter Gegner des Tunnels an der Landshuter Allee. Einen anderen Kritikansatz hatte eine weitere Zuhörerin. Wenn man die Forderung des Weltklimarates erfüllen wolle, bis 2030 die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, müsse der Verkehr verringert werden. "Es hilft uns doch nichts, wenn wir keine Autos mehr, aber dafür eine Klimakatastrophe vor der Tür haben."