Neuhausen "Ein klein wenig entsetzt"

Großzügig und autofrei: Der Rosa-Luxemburg-Platz soll zum Verweilen einladen und nicht für Zufahrten in ein neues Wohngebiet nebenan herhalten.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die geplante Stadibau-Wohnanlage für Staatsbedienstete beim Leonrodplatz sorgt für Unmut im Viertel. Kritisiert wird, dass so Autos auf den Rosa-Luxemburg-Platz gelangen könnten - und eine wichtige Radlroute in Gefahr gerät

Von Sonja Niesmann, Neuhausen

680 neue, günstige Mietwohnungen - dagegen spreizt sich im von Wohnungsnot geschüttelten München kaum jemand ein. Auch der Bezirksausschuss Neuhausen-Nymphenburg begrüßt grundsätzlich das Vorhaben der Stadibau, an der Emma-Ihrer-/Schwere-Reiter-Straße beim Leonrodplatz ein Quartier für geringer verdienende Staatsbedienstete zu errichten. Dennoch war das Gremium angesichts der ihm vorgelegten Planung nun "ein klein wenig entsetzt", wie Gudrun Piesczek (CSU) noch zurückhaltend formulierte.

Erster Stein des Anstoßes: Ein beträchtlicher Teil des bisher autofreien Rosa-Luxemburg-Platzes soll der Verkehrserschließung des neuen Wohngebiets dienen. Diese wird vom planenden Büro Léon Wohlhage absichtlich im Westen situiert, um die dem Olympiapark zugewandte Ostseite der neuen "Beamten-City" möglichst von Autoverkehr freizuhalten. Damit aber werde der kreisförmige, luftig gehaltene Platz mit seinen Bänken, Bäumen und dem Springbrunnen "verhunzt", schimpfte Willi Wermelt (SPD). Peter Loibl (Arbeitsgemeinschaft für Neuhausen/AGS) nannte es eine "städtebauliche Unverschämtheit, diesen Platz zu opfern". Einstimmig forderte der Bezirksausschuss die Stadt auf, die Erschließung anders zu regeln, selbst wenn dies schwierig sein mag.

Zweiter Stein des Anstoßes und ebenfalls ein Grund, die Zustimmung zu verweigern: Der beantragte Radschnellweg Maxvorstadt - Neuhausen - Olympiapark wird im Entwurf für den Bebauungsplan nicht berücksichtigt. Vorgeschlagen hat diese Verbindung - eine Alternative zu den wenig attraktiven, aber dennoch stark befahrenen Radrouten entlang der Dachauer Straße mit ihren vielen Ampeln und Kreuzungen - Simon Herzog von der Technischen Universität; für die Idee machten sich bereits 2017 die CSU-Stadtratsfraktion sowie die Bezirksausschüsse Maxvorstadt, Neuhausen-Nymphenburg und Schwabing-West stark. Die Route würde vom Willi-Gebhardt-Ufer im westlichen Olympiapark über die Emma-Ihrer-Straße verlaufen, über eine noch nicht existente Fuß- und Radwegbrücke die Schwere-Reiter-Straße queren, hinein ins Kreativquartier und weiter über die Heßstraße. Auch dort gibt es allerdings Pläne, die eine Realisierung dieser Radachse blockieren würden, wie kürzlich der Verein Münchner Forum in einem Schreiben an Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) moniert hat. Denn die Planung für das "Kreativfeld", eines der vier Teilsegmente des Kreativquartiers, sieht neuerdings vor, die bislang für eine Durchfahrt gesperrte Heßstraße für den motorisierten Verkehr zu öffnen. Damit wäre eine leistungsfähige Fahrradstraße vom Tisch.

Das neue Quartier an der Schwere-Reiter-/Emma-Ihrer-Straße, dessen Bau Mitte 2020 beginnen soll, ist Teil einer Wohnungsbauoffensive, die Ministerpräsident Markus Söder (CSU) noch in seiner Amtszeit als Finanzminister angekündigt hat. Einst war auf dem Gelände das Mediendorf für die Olympischen Winterspiele 2018 geplant, für die München den Zuschlag aber nicht erhalten hat. Die damalige Planung sah rund 400 Wohnungen vor, die nach dem Abzug der Journalisten aus aller Welt Münchnern und Neu-Münchnern zur Verfügung stehen sollten. Daraus wurden nun 680 Wohnungen in bis zu achtgeschossigen Gebäuden, zusätzlich drei Kindertagesstätten, welche die Stadibau, eine 100-prozentige Tochter des Freistaats, errichtet.

Der Fraktionsgemeinschaft von FDP und Hut im Stadtrat ging das nicht weit genug, sie beantragte, das neue Gebiet zum Olympiapark hin zu erweitern. Der Planungsausschuss lehnte das ab: Das Nachverdichtungspotenzial dort sei ausgeschöpft, eine noch weiter an den Park rückende Wohnbebauung würde den ohnehin hohen Druck auf den Olympiapark noch verstärken und wichtige Freizeiteinrichtungen wie das Tollwood-Festival oder die Sportanlage des FC Teutonia möglicherweise einschränken oder verdrängen.