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Neuhausen:Antidepressiva für die Kunst

"Ich kenne niemanden, der von der Kunst leben kann", sagt Marlene Meier.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die freie Kulturszene braucht Zuwendung und ihr Publikum auch, dachte sich Marlene Meier. In einem leer stehenden Laden an der Dachauer Straße hat die junge Münchnerin eine Schaufenster-Galerie eröffnet. Studierende können dort im Wechsel ihre Werke zeigen

Von Simon Garschhammer

Auf Fußgänger wirkt die Dachauer Straße gegenüber der Hochschule München nicht nur wegen des Januarwetters trostlos. Der Autoverkehr steigt in Nase und Ohr, ein graues Mietshaus folgt dem nächsten. Auch auf Höhe der Hausnummer 157 erstreckt sich ein solcher Betonklotz, mit einer Schaufensterfront im Erdgeschoss. Doch wo man Geschäfte vermutet, ist es dunkel. "Asia Schnell Imbiss" steht da, geschlossen, daneben "Friseur", aber im Schaufenster nur ein "Zu mieten"-Schild. Trostlos eben. Dann ein Licht. Das Schaufenster nebenan ist hell erleuchtet, drinnen im Raum ragen silberne Buchstaben in die Höhe, in einem Fernseher läuft ein Video, es sieht nach einer Kunst-Performance aus. Und eine Art Astronauten-Anzug steht vor einem blauen Vorhang. An der Fensterscheibe klebt in dicken, schwarzen Lettern ein durchgestrichener Schriftzug - "depression". Eine Galerie für zeitgenössische Kunst? Hier an der Dachauer Straße?

Und tatsächlich handelt es sich bei dem ungewöhnlichen Raum um eine Kunstausstellung. Vor der Scheibe steht eine lebhafte, junge Frau, sie erzählt von den Exponaten. Ihr Name ist Marlene Meier, sie studiert Kunstpädagogik. Sie steckt hinter der Pop-up-Galerie mit dem Namen "no-depression-room". Seit Ende November werden dort Werke der Münchner Nachwuchs-Kunstszene ausgestellt. Jede Woche dürfen sich andere junge Künstlerinnen und Künstler präsentieren, noch bis mindestens Februar läuft die ungewöhnliche Schau.

Aktuell sind durch das Schaufenster der Pop-up-Galerie Werke von Ly Nguyen und Maximilian Haja zu sehen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

"Der Ausdruck 'no depression' versteht sich als Aufruf, Abwechslung in den lahmen Corona-Alltag zu bringen", sagt die 31-Jährige. Das gilt für die Fußgänger, die plötzlich mit Kunst konfrontiert werden, aber auch für sie selbst. Als der zweite Lockdown Anfang November vor der Tür stand, und der Kulturbetrieb runterfahren musste, dachte sie sich: "Ich krieg' die Krise, ich muss was machen." Marlene Meier erinnerte sich an ihren Freund Philip Frankl, der eine Immobilie an der Dachauer Straße im Sommer vererbt bekommen hatte. Früher war dort eine Apotheke, doch seit Längerem stand die Fläche schon leer. Frankl habe sofort zugestimmt, und so sei das Projekt entstanden. "Ich habe mir Farbeimer aus dem Keller meiner Eltern geholt und losgelegt", erzählt Marlene Meier.

Die 31-jährige Münchnerin Marlene Meier hat mit ihrer Galerie nun einen Raum für Kunst geschaffen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Philip Frankl, 33, der hauptberuflich Beleuchter an der Oper ist und seit März nicht arbeiten kann, habe sich um die Lichtinstallation gekümmert. Ob sein solidarisches Verhalten daher rührt, dass er selbst in der Kulturbranche tätig ist, verneint der Jung-Immobilienbesitzer: "Das hat etwas mit einer generellen Weltanschauung zu tun. Dieses Denken, dass niemand etwas umsonst bekommt, das find' ich unter aller Sau, genauso, was hier mit den Mietpreisen passiert, das macht die Stadt kaputt."

Und so hat Marlene Meier zwar einiges an Zeit und Energie investiert, jedoch gerade mal 150 Euro für das "Low-Budget"-Projekt in die Hand nehmen müssen. Nach zwei Wochen Anpacken stand die Fläche dann bereit, am 30. November ging es los. Ihre Fenstergalerie ist kein kommerzielles Projekt, Geld von den Künstlern nimmt sie nicht. "No depression" müsse man auch aus deren Perspektive sehen, so die Münchnerin. Denn wirtschaftlich sei die Situation für Kunstschaffende schon lange prekär, der Ausdruck "No depression" also auch ein Protest gegen das Verarmen der Kunstszene. Corona hat die Lage nicht besser gemacht. "Ich kenne niemanden, der von der Kunst leben kann", betont sie. Ly Nguyen, die ihre Kunst gerade im Schaufenster ausstellt, arbeitet nebenbei als Sozialberaterin, denn auch sie kann von ihrer Kunst nicht leben. Daran wird zwar auch die Fenstergalerie nichts ändern, doch verleiht sie der Kunst in Zeiten von geschlossenen Museen und Galerien wieder etwas Sichtbarkeit. "Ich freue mich, dass es wieder einen Ort gibt, wo ich meine Gedanken auch visuell darstellen kann", sagt Ly Nguyen. Auch den ungewohnten Ausstellungsort mag sie, die Künstlerin reizt der Kontrast: "Die meisten Galerien sind in schicken Vierteln, das ist immer das Gleiche, hier ist alles etwas roher." Ein ganz anderes Publikum würde so ihre Kunst wahrnehmen.

Immer wieder ist an diesem Tag zu beobachten, wie Passanten den kleinen Umweg gehen, um sich das Kunst-Schaufenster anzuschauen. So auch ein altes Ehepaar, das sich langsam nähert und neugierig hineinschaut. "Damit die Anwohner immer wieder etwas zu sehen haben, ist es wichtig, dass die Ausstellung wöchentlich wechselt", sagt Marlene Meier. "Wenn einem die Decke auf den Kopf fällt, dann kann man hierher kommen, es ist ein richtiges Corona-Projekt." Doch auch unabhängig von der Pandemie würde Marlene Meier in Zukunft gerne einen Beitrag für den Kulturstandort München leisten. Viele kreative Menschen würden aus München wegziehen, die Stadt habe den Ruf, langweilig zu sein. Sie würde dem gerne entgegenwirken. "Immer mehr Geld kommt in die Stadt, dadurch werden die Leute verdrängt, die wenig Geld haben. Aber oft sind genau das die Menschen, die kreativ sind, das stört mich."

Mit ihrem Kunstfenster-Projekt ist die Studentin sehr zufrieden. Von den Anwohnern bekomme sie viel Zuspruch, und die wöchentlich wechselnde Galerie sei bis Ende Februar ausgeplant. "Gerade habe ich eine Warteliste von über zehn Künstlern", sagt sie mit bescheidenem Stolz. Was als Nächstes passiert? Gerne würde sie die Fläche weiterhin nutzen, doch sie weiß auch, dass irgendwann Miete reinkommen muss. Mit dem Kulturreferat steht sie wegen Fördergeldern schon in Gesprächen. "Ich habe Blut geleckt."

© SZ vom 23.01.2021
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