Neue Pinakothek Hier ist der Kulturstaat im Eimer

Bayern lässt sein kostbares Erbe im Regen stehen, das zeigt sich an der Neuen Pinakothek besonders deutlich. Dort tropft Wasser durch die Decke, zwischen einige der bedeutendsten Gemälde der Welt.

Von Susanne Hermanski

Zwei Tage starken Regens genügen, und die Neue Pinakothek bietet solche Bilder des Elends. Zwischen einigen der bedeutendsten Gemälde der Welt - die Sammlung reicht von Goya bis zu van Gogh und Cézanne - stehen dann die Plastikeimer auf dem Boden. Andere haben die Mitarbeiter gleich direkt unter die Decke gehängt, aus der unentwegt das Wasser tropft. An mehr Stellen, als man zählen kann. Aber nicht mehr lang.

Zum Jahreswechsel schließt der Freistaat diese Perle seiner Staatlichen Gemäldesammlungen, in denen auch deren Hauptverwaltung untergebracht ist. Dass die novellierten Brandschutzvorschriften als einer der wichtigsten Gründe für die Schließung ins Feld geführt worden sind in den vergangen Monaten, nimmt sich wie Hohn aus angesichts solcher Impressionen.

Schon vor 20 Jahren haben die Museumsleute angefangen, auf den Renovierungsbedarf des Hauses aufmerksam zu machen. Das wollte damals freilich niemand hören, war das Gebäude des Architekten Alexander Freiherr von Branca damals doch selbst noch keine 20 Jahre alt. Warum die Politik das Problem trotzdem ganze zwei Jahrzehnte lang aussaß, fragen sich die Götter.

Fragt man den frischgebackenen Minister für Kunst und Wissenschaft, Bernd Sibler, wie es zu diesem offensichtlichen Debakel kommen konnte im stolzen Kulturstaat Bayern (Artikel 3 der bayerischen Verfassung) sagt er: "Der Freistaat kümmert sich selbstverständlich verantwortungsvoll um die Neue Pinakothek." Nur bewege man sich dabei "im Spannungsfeld zwischen der Verantwortung für die kostbaren Kunstschätze und die Sicherheit der Besucher und Mitarbeiter einerseits und die Aufrechterhaltung des Betriebs für Kunstinteressierte und Forscher aus aller Welt andererseits". Daher habe man das Gebäude in den vergangenen Jahren auch mit rund elf Millionen Euro immer wieder so ertüchtigt, dass der Betrieb aufrecht erhalten werden konnte.

Bernd Sibler hat das Problem Neue Pinakothek geerbt - von vier Vorgängern im Amt. Einerseits. Andererseits war Sibler schon in Ludwig Spaenles Ära Staatssekretär für Wissenschaft und Kunst und davor Vorsitzender des Ausschusses Hochschulen, Forschung und Kultur im Bayerischen Landtag. Gänzlich neu ist dem neuen Minister die Materie also nicht. Offiziell ist schon lange, dass neben besagtem Brandschutz auch die Klimaanlage erneuert werden muss. "Maßnahmen zur Energieeinsparung und sicherheitstechnische Ertüchtigungen" sind ebenfalls geplant.

Am Montag laden Bernd Sibler und Bernhard Maaz, der Generaldirektor der Staatsgemäldesammlung, nebst dem Leiter des Staatlichen Bauamts München 1, Eberhard Schmid, nun zu einer "Informationsveranstaltung zur Sanierung und der damit verbundenen Schließung" ein. Davor will er zu vielen anderen offenen Fragen noch nichts sagen.

Welche dies sind, liegt unterdessen auf der Hand: Wohin sollen etwa die Kunstwerke nach dem 31. Dezember gebracht werden? Laut Bauamt hat man bereits vor einigen Monaten zusätzliche Depotflächen im Innenstadtbereich dafür gefunden. Aus Sicherheitsgründen bleibt Genaueres geheim. Doch welche Werke werden für Bayerns Bürger und Kunstinteressierte aus aller Welt in den nächsten Jahren noch sichtbar sein?

Als Gretchenfrage erscheint aber nach den Erfahrungen, die die Stadt München gerade mit ihrer Gasteigsanierung macht, noch ein ganz anderes Problem. Enthält das Sanierungskonzept bauliche Änderungen, die Verhandlungen mit den Rechteinhabern an der Architektur von Brancas erforderlich machen? Wenn ja, sind diese schon geführt oder wird sich schon allein dadurch die Sanierung weiter ins Ungewisse verzögern? Und van Gogh und Co? Schlummern die dann so lang im Keller?

Kunst "Ich habe mich wirklich widerlich benommen, keine Frage"

Kunstdebatte

"Ich habe mich wirklich widerlich benommen, keine Frage"

Der Star-Kurator Kasper König löst mit einem Auftritt an den Münchner Kammerspielen Entrüstung aus. Nun geht es um die Frage: Wie rassistisch ist die Kunstszene?   Von Catrin Lorch