Neue Heimat Sind Bayerns Kirchen No-Go-Areas für junge Menschen?

Bayerns Kirchen haben meist ein älteres Publikum.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

In Uganda gibt es im Gottesdienst häufig richtig Rabatz, erzählt unsere Kolumnistin. In ihrer neuen Heimat Deutschland findet sie dagegen ein anderes Bild vor.

Kolumne von Lillian Ikulumet

Kürzlich sprachen wir bei einem Treffen mit Freunden über Religion. Als gläubige Christin nutzte ich die Gelegenheit für eine Einladung in die Sonntagsmesse. Die Resonanz? Wenig begeistert. Nur Greise würden noch in die Kirche gehen, war die Antwort. Nur Leute, die sich mehr mit dem Tod auseinandersetzen als mit dem Leben.

Wenn man regelmäßig in bayerischen Kirchen zu Gast ist, bleibt die Erkenntnis: Meine Freunde hatten nicht unrecht. Hier scheinen sich die jungen Leute jedenfalls kaum für die Sonntagsmessen zu interessieren. Im Gegenteil: Wenn man sich umschaut, wirken viele Kirchen eher wie jugendliche No-Go-Areas. Dass in katholischen Gottesdiensten überwiegend grauhaarige Menschen sitzen, ist in Bayern wahrscheinlich nicht neu. Wenn man 30 Jahre lang in Uganda in die Kirche gegangen ist, erscheint es jedoch ungewöhnlich.

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Für mich ist eine Kirche nicht nur ein kunstvolles Gebäude, in dem salbungsvolle Worte gesprochen werden. Auch wenn es in Uganda am Ende gefährlich für mich wurde, so erinnere ich mich doch gerne an die vielen Stunden, die ich dort in Kirchen war. Die Sonntagsmesse war damals der emotionale Höhepunkt der Woche, im Jugendalter gab es für mich kaum etwas Spannenderes. Meine Freunde und ich warteten immer sehnsüchtig auf den Sonntag, um unser schickstes Gewand anzuziehen. Der Sonntag war ein Tag des Feierns.

Je älter ich wurde, desto mehr fiel mir auf, wie der Jugend-Anteil in der Kirche auch in Uganda weniger wurde. In Uganda reagierten Pfarrer und Kirchengemeinden. So kam es, dass sich manche Gottesdienste zu regelrechten Events entwickelten. Die Pfingstbewegung hat in vielen Kirchen großen Einfluss genommen, traditionelle Pfarrer wurden von Celebritys ersetzt. Wo früher "Ave Maria" gesungen wurde, werden jetzt Hilsong-Lieder von Popmusikern gespielt. Chöre singen nur noch selten aus dem Gotteslob, häufiger singen Rockgruppen und machen Rabatz wie auf einem Rammstein-Konzert. Man mag von solchen Gottesdiensten halten, was man will. Die neu gewonnene Coolness hält die Kirche in Uganda aber frisch. Unterhaltung und Vitalität - auf Kosten von Tradition und Spiritualität.

Vor einigen Wochen dann das: Ich ging zum Sonntagsgottesdienst in die St.-Gertrud-Kirche in Milbertshofen - und war plötzlich von jungen Leuten umringt. Zufall? Nicht unbedingt, denn genauso war es am Sonntag drauf, da waren es sogar noch mehr. Mein Eindruck: Je näher das Osterfest rückt, desto mehr junge Leute zieht es in die Kirchen der Stadt. Die Auferstehung des Herrn, die frohe Botschaft, dieses vitale Fest - all das ruft bei Jungmünchnern vielleicht die Erinnerung an den Glauben hervor.

Oder die Freude am Beisammensein, man kann in die Menschen nicht hineinsehen. Jedenfalls kam es jetzt wieder auf, dieses Sonntags-Gefühl meiner Jugend, das mir so in Erinnerung geblieben ist. Damals, als es noch keine Rockkonzerte brauchte, damit sich die Kirche mit einem bunten Generationenmix füllte.

Übersetzung aus dem Englischen: Korbinian Eisenberger

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Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Der Autor: Mohamad Alkhalaf, 32, stammt aus Syrien. Bis 2015 arbeitete er für mehrere regionale Zeitungen, ehe er vor der Terrormiliz IS floh. Seit der Anerkennung seines Asylantrags lebt er in Kirchseeon.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Alkhalaf für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie er die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite.