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Neue Heimat:In Oberbayern ist die Partnersuche liberaler - aber auch komplizierter

Abendstimmung an der Hackerbrücke in Mücnhen, 2015

Die Hackerbrücke ist beim Sonnenuntergang ein romantisches Örtchen.

(Foto: Robert Haas)

Sich als geeigneter Kandidat für eine ernsthafte Beziehung mit einer Deutschen zu entpuppen, ist eine Wissenschaft für sich, schreibt unser Kolumnist aus Nigeria.

Ich habe nie viel von Charles Darwins Evolutionstheorien gehalten, doch das änderte sich an dem Tag, als ich den Fischen im Weiher meines Bruders beim Fressen zuschaute, damals noch in Nigeria. Die Fische stritten sich um Brotkrumen, die dicken kamen zum Zug und die abgemagerten tauchten hungrig zurück in den Weiher.

Konkurrenz ist in Deutschland allgegenwärtig: im Berufsleben, im Sport und nicht zuletzt bei der Suche nach einer Partnerin. Nach vielen Besuchen in Flüchtlings-Camps in München, Ebersberg und Fürstenfeldbruck kann ich eines sagen: Natürlich wird dort über Frauen und Heirat gesprochen. Und natürlich sind viele der Männer daran interessiert, eine nette Frau in Deutschland kennenzulernen. Das hat nicht mit der Herkunft zu tun, sondern mit der Natur als Mann.

Die Suche nach einer Heiratspartnerin oder einer Freundin ist äußerst beschwerlich - wie ein langer Weg durch eine Castingshow. Sich als geeigneter Kandidat für eine ernsthafte Beziehung mit einer Deutschen zu entpuppen, ist eine eigene Wissenschaft - anders als in meiner Heimat Nigeria. Dort arrangieren die Eltern in der Regel Beziehungen für ihre Söhne und Töchter. Ein guter Freund von mir wurde etwa von seinem Vater an eine junge Frau verheiratet, deren Familie er aus der Kirche kannte. So ähnlich funktioniert das in vielen Teilen Afrikas.

In Oberbayern geht es liberaler zu. Aber auch komplizierter. Hier braucht es Anmachstrategien, um überhaupt eine Chance zu haben. Wem es an Flirtqualitäten mangelt, wer nicht "fit enough" ist, wie man im Englischen sagt, der kann das mit der Fortpflanzung vergessen. Charles Darwin nannte das: Survival of the fittest. Ich erinnere mich noch gut an Szenen, als ich eine Frau nach ihrer Handynummer fragte und peinlicherweise zurückgewiesen wurde. Es ist nicht sonderlich schwer herauszufinden, dass man bei deutschen Frauen subtiler vorgehen muss. Gut funktioniert, wenn man scheinbar beiläufig seine eigene Handynummer mitteilt, ganz Gewiefte haben dafür eine eigene Visitenkarte.

Dieses Hintergrundwissen hilft, in meiner Recherchetour durch die Camps habe ich Flüchtlinge kennengelernt, die bereits eine Freundin haben. Leider gibt es auch unter ihnen Menschen, die die Liebe ausnutzen. Meiner guten Freundin Birgit ist so etwas passiert. Sie war unsterblich in einen Afrikaner verliebt, stimmte einer Heirat zu. Nach der Hochzeit offenbarte ihr Gatte ihr, dass er es auf die Papiere abgesehen hatte.

Auf Dating-Seiten weiß man leider nie so genau, was einen erwartet, so erging es auch meinem Zimmergenossen. Über eine Dating-App lernte er eine 56-Jährige kennen, die seit dem Tod ihres afrikanischen Mannes einen Nachfolger suchte und stets von den Liebhaberqualitäten der Schwarzen schwärme. Am Ende sei ihm das regelmäßige Liebesspiel zu regelmäßig geworden, und zu intensiv. Bei Charles Darwin wäre er wahrscheinlich als "very fit" durchgegangen. Er entschloss sich aber dafür, wieder am allgemeinen Wettbewerb teilzunehmen.

Übersetzung aus dem Englischen: koei

Neue Heimat - Der andere Blick auf München
Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Der Autor: Olaleye Akintola stammt aus Nigeria. Bis zu seiner Flucht 2014 arbeitete er dort für eine überregionale Tageszeitung. Nun lebt er in Ebersberg.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Akintola für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie sie die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite. Hintergründe zu unseren Kolumnisten finden Sie hier.