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Neue Heimat:Machst du's schwarz?

Das Arbeitsgericht muss in strittigen Fällen entscheiden.

(Foto: Stephan Rumpf)

Endlich hat unser Autor Tahiri Ahmed aus Afghanistan einen ersten Job gefunden - nur um festzustellen, dass er ausgenutzt wird. Aber: Wenigstens gibt es in Deutschland Mittel und Wege, um sich zu wehren.

Seit ich in Bayern lebe, ist die Angst weniger geworden. Die Menschen in Freising haben mir dabei geholfen, eine Bleibe zu finden und Deutsch zu lernen - dafür bin ich dankbar. Nach zwei Jahren Sprachkurs fühle ich mich mittlerweile verhandlungssicher. Spätestens seit ich angefangen habe, nach einem Job zu suchen, weiß ich auch, wie wichtig das ist: Bei meiner ersten Arbeitsstelle habe ich Erfahrungen gemacht, die ich in Deutschland nicht erwartet hatte.

Im Dezember 2015 bekam ich - wie die meisten Flüchtlinge, die Arbeit finden - einen Job in einem Fast-Food-Geschäft, und zwar einem Pizza-Lieferdienst in München. Das anfängliche Hochgefühl wich jedoch schnell einem Zustand der Verwirrung. Bevor ich loslegen durfte, musste ich seitenweise Papiere ausfüllen. Ich hatte also einen Job, die größere Hürde war jedoch die Arbeitserlaubnis - vor allem, weil ich noch kein Asyl hatte.

Das Landratsamt lehnte meine ersten vier Anträge auf Arbeitserlaubnis ab, ehe es meinen fünften annahm. 8,97 Euro Brutto-Stundenlohn sollte ich bekommen, mit einigen Abzügen. Wie viel letztlich übrig geblieben wäre, kann ich nicht sagen - denn vom Gehalt habe ich bis heute nur einen Bruchteil bekommen. Mittlerweile weiß ich: Es gibt viele, die sich penibel an die deutschen Regeln halten, es gibt aber auch solche, die es damit nicht so genau nehmen. Irritiert hat mich, dass bei meinem Arbeitgeber viele als Teilzeit gemeldet, aber in Vollzeit im Einsatz waren.

Einige arbeiteten komplett schwarz, niemand kontrollierte das. In Afghanistan hätte mich so etwas weniger überrascht. Hätte es dort vor drei Jahren weniger Schlupflöcher für Steuerhinterziehung und Drogenschmuggel gegeben, dann würde ich vielleicht noch in Kabul leben und wäre jetzt in der Endphase meines Studiums. Ich wollte mich damals von der Mafia nicht als Drogenkurier einspannen lassen, was meinen besten Freund das Leben kostete und mich einen wichtigen Teil davon.

Manchmal frage ich mich, ob es besser gewesen wäre, nachzugeben und das Opium - wie befohlen - im Wagen zu verstecken. Stattdessen musste ich meinen Tod fingieren und flüchten. Bis auf die engste Familie weiß in Afghanistan niemand, dass ich noch lebe. Immerhin: Ich kann sagen, dass ich mich an die Gesetze gehalten habe - auch in meiner Zeit beim Lieferservice.

Arbeiten an den Gesetzen vorbei

Die Stimmung unter den Mitarbeitern dort war stets angespannt, das mache ich daran fest, dass ich schnell neue Schimpfwörter gelernt habe. Der Chef wollte dann auch mich überreden, schwarz zu arbeiten, um Steuern zu sparen. Erst bot er mir drei Euro pro Stunde an, dann vier, ich lehnte beides ab.

Es war eindeutig, dass ich und dieser Betrieb nicht miteinander zurecht kommen würden. Klar: Man muss sich als Flüchtling anpassen und dankbar sein, wenn man die Chance bekommt zu arbeiten. Man sollte sich aber nicht ausnutzen lassen. Anderen dürfte das schwerer fallen, ich konnte mich dank meiner Sprachkurse wehren: Nach einigen Wochen habe ich gekündigt. Danach bin zum Arbeitsgericht gegangen und habe mir einen Teil meines Gehalts erstritten. Gut, dass es hier so etwas gibt.

Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Der Autor: Tahiri Ahmed, 23, stammt aus Afghanistan, 2014 flüchtete der damalige Student vor der Drogenmafia. Seit zwei Jahren lebt er in Freising. Um Familie und Freunde zu schützen, schreibt er unter einem Pseudonym. (Foto: Florian Peljak)

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Ahmed für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie er die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite.