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Neue Heimat:In Nigeria ist bei einer Beerdigung Party angesagt

In Deutschland sind Friedhöfe Orte der Stille, der Tod ein trauriges Ereignis. In Nigeria dagegen wird er gefeiert.

(Foto: Stephan Rumpf)

Auf dem Friedhof in Ebersberg sah unser Autor viele Menschen weinen - und wundert sich. In seinem Heimatland sähe das anders aus.

Die Blumen auf dem städtischen Friedhof in Ebersberg blühen wie in einem richtigen Garten. Auffällig, wie gut gewartet die Gräber in Bayern sind, ganz anders als die überfüllten Friedhöfe in Nigeria mit ihren zugewucherten Gräbern und vertrockneten Erdhaufen. Die Gäste einer bayerischen Beerdigung tragen meistens schwarze Kleidung oder eine feierliche Tracht.

In den Gesichtern ist aber keine Fröhlichkeit zu erkennen, sondern Kummer und Trostlosigkeit. Bei einer Beerdigung in Ebersberg weinten viele der Gäste sogar, eine erstaunliche Begebenheit - es musste sich um den Tod eines Kindes handeln. Nach dem Begräbnis ging ich auf den Friedhof und schaute mir den Grabstein an. Ich staunte: Der Verstorbene war 92 Jahre alt geworden.

Bei den christlich geprägten Yoruba in Südwest-Nigeria wäre seine Totenfeier in eine zügellose Party ausgeartet. Ein gutes Beispiel ist das Begräbnis meiner Großmutter vor elf Jahren: Sie wurde etwas mehr als 90 Jahre alt, was in Nigeria ungewöhnlich ist - am Ende starb sie an einer einfachen Arthritis. Nach ihrem Ableben ging es gehörig zur Sache: An der Zahl der Rinder, die vor dem Haus der Familie angebunden sind, erkennt man dann, wie viel Geld die Kinder des Verstorbenen in die Beerdigung investiert haben und ob es genug zu essen gibt.

Vor elf Jahren standen da viele Kühe und unzählige Fässer Wein, es war ein Festmahl, während der Feier blockierten Hunderte tagelang die Straßen. Die Musik ist bei solchen Begräbnisfeiern meist so laut, dass man einen Gehörschaden bekommt, verursacht durch Musiker und DJs, die genau zu diesem Zweck engagiert werden. Nachbarn, die nicht mitfeiern, sind gezwungen, nächtelang Dauerbeschallung zu ertragen. Und egal wie wahnsinnig ein Fest wird, niemand würde den Versuch wagen, die Totenzeremonie zu unterbrechen. Auch nicht die Polizei, die feiert mit.

In Teilen Afrikas ist das die Ironie des Lebens: Dort wird eine Kultur zelebriert, obwohl viele im Alter erbärmlich und mittellos sterben. Nach dem Tod feiern die Hinterbliebenen dann umso prunkvoller und dekadenter. Bei meiner kranken Oma hätte wohl schon die Hälfte der Ausgaben der Begräbnisfeier gereicht, um ihr zu Lebzeiten eine ordentliche medizinische Versorgung zu geben. In Nigeria geht es aber nicht darum, eine Beerdigung mithilfe von Ärzten möglichst lange hinauszuzögern. Sondern, dass man finanziell bereit ist, wenn es soweit ist.

In Bayern kommt es mehr auf die Zeit vor dem Tod an. Die Unverletzlichkeit des Lebens steht an vorderster Stelle, selbst Alte und Sterbende können sich hier eine medizinische Behandlung leisten. Wenn man den Studien glaubt, wird ein Einwohner Nigerias im Schnitt nicht älter als 55, die Europäer sterben erst mit 80 - man muss kein Journalist sein, um das herauszufinden. Insofern hätte mich das folgende Erlebnis eigentlich nicht mehr überraschen dürfen.

Der Besuch bei einem Ehepaar in Markt Schwaben war dennoch ein Kulturschock. Seither habe ich eine Ahnung, wie sie in Oberbayern mit Krankheit, Alter und Tod umgehen. Das Ehepaar lebte in einem eigenen Haus, wo sie von jungen Leuten umsorgt wurden, und zwar nicht von Enkeln oder Töchtern, sondern von Krankenpflegern, die von der Kasse bezahlt werden. Die Pfleger kümmern sich sieben Tage die Woche von morgens bis abends um das Ehepaar, kochen ihnen Mahlzeiten und zerhäckseln die Speisen, sodass sich nichts in den Zahnprothesen verhakt. Wenn sie irgendwann sterben, dann wird es ein Begräbnis auf dem Markt Schwabener Friedhof geben, so wünschen es sich die beiden. Bis sie unter den schönen Blumen liegen, sagten sie mir, wollen sie sich aber noch ein bisschen Zeit lassen.

Übersetzung aus dem Englischen: Korbinian Eisenberger

Neue Heimat - Der andere Blick auf München
Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Der Autor: Olaleye Akintola stammt aus Nigeria. Bis zu seiner Flucht 2014 arbeitete er dort für eine überregionale Tageszeitung. Nun lebt er in Ebersberg.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Akintola für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie sie die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite. Hintergründe zu unseren Kolumnisten finden Sie hier.