Neue Heimat:"Ich habe mich ziemlich geschämt"

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Biomarkt

Wer von Afghanistan nach München kommt, muss sich im Supermarkt nicht nur an feste Preise gewöhnen.

(Foto: dpa)

Aus seiner Heimat Afghanistan ist unser Autor gewöhnt, dass man streitet, flucht - und sich unterhält. Dann geriet er an eine deutsche Supermarktkasse.

Kolumne von Nasrullah Noori

Einkaufen in Deutschland und einkaufen in Afghanistan, das sind komplett verschiedene Dinge. In Afghanistan gibt es kaum Supermärkte, in meiner Heimatstadt Kundus steht kein einziger. Afghanen zelebrieren die Beschaffung von Lebensmitteln: Wer dort einkaufen geht, braucht deshalb viel Zeit. Allein für den Handelsakt muss man mindestens eine halbe Stunde mit einkalkulieren. Wer von Afghanistan nach München kommt, muss sich aber nicht nur an Fixpreise gewöhnen.

Es ist so anders in diesem Land. In Afghanistan dürfen nur Männer einkaufen gehen - wegen der schwierigen Sicherheitslage, vor allem aber aus kulturellen Gründen. In Lebensmittelgeschäften arbeiten nur Männer - bezahlt wird ausschließlich mit Bargeld. In Deutschland sitzen hingegen überwiegend Frauen mit Kartenlesegeräten an der Kasse. Als ich in München das erste Mal mit meiner Bankkarte bezahlt habe, musste die Kassiererin mir erklären, wie das funktioniert. Ich habe zwar Wirtschaft studiert, wo ich herkomme, gibt es aber weder Bankautomaten noch EC-Karten. Die Leute hinter mir in der Warteschlange wurden sauer, weil es wohl recht lange dauerte, ehe ich fertig war. Ich habe mich ziemlich geschämt.

Wenn man sich daran gewöhnt, lernt man aber auch die Vorteile zu schätzen. Neu war in deutschen Supermärkten für mich vor in erster Linie diese irre Auswahl: So etwas wie Wurst gibt es in Afghanistan überhaupt nicht, Käse ist selten und teuer. In München bekomme ich alles in einem Laden: Zucker und Fleisch, Obst und Limonade, Brot und Milch. In Afghanistan musste ich für jedes Produkt in ein anderes Geschäft gehen: Brot gab es nur in der Bäckerei, Fleisch in der Metzgerei, Kartoffeln beim Gemüsehändler. Wie gesagt, es brauchte alles seine Zeit.

In München kaufe ich besonders gern Tiefkühlpizza, eine vortrefflich schmeckende Speise, an die ich mich gerne gewöhnt habe. Würde es so etwas in Kundus geben, die Leute könnte es nicht aufbacken, weil der nötige Strom fehlt. Hier ist Tiefkühlpizza unheimlich praktisch, weil ich in kurzer Zeit eine fertige Mahlzeit auf dem Tisch habe. An der Supermarktkasse ist eine Tiefkühlpizza jedoch eine Herausforderung - weil sie so unhandlich ist, passt sie nicht in den Rucksack. Wenn man sie schnell einpacken soll, zerreißt es einem leicht die Tüte. Mein absoluter Albtraum.

Man drängelt und streitet - und will es doch nicht anders

In Deutschland haben die Leute keine Zeit für solche Sperenzchen. In der Warteschlange an der Kasse muss es schnell gehen, daran sollte man sich gewöhnen. Gut ist, dass die Münchner diszipliniert sind und warten, bis sie an der Reihe sind. In Afghanistan haben die Leute zwar mehr Zeit, sie wollen aber trotzdem als erstes dran sein. Geduldiges Schlangestehen ist in Afghanistan jedenfalls weitgehend unbekannt. Man drängelt sich vor und streitet sich dann deswegen. Man will es gar nicht anders.

In der afghanischen Kultur ist üblich, dass man sich beim Einkaufen unterhält, beschimpft oder übereinander ärgert. Und Ärgernisse gehören ja auch in Münchens Supermärkten dazu. Hausgemachter Joghurt? Eier und Butter, frisch vom Bauern? Das findet man hier selten, und wenn doch, so ist es kaum bezahlbar. So schnell ein Einkauf in München auch erledigt ist, geschmacklich ist manches umso enttäuschender.

Es wäre wahrlich hilfreich, könnte man Äpfel - bevor man sie kauft - probieren. Münchens Äpfel schmecken nämlich leider oft nach versäuerter Mehlpampe. In Afghanistan würde sich niemand trauen, so etwas zu verkaufen, der Ruf eines Händlers wäre damit nachhaltig ruiniert. Vielleicht mögen die Münchner ihre Äpfel ja genau so. In Deutschland sagt man schließlich auch, dass sauer lustig macht.

Neue Heimat - Der andere Blick auf München

Der Autor: Nasrullah Noori, 27, stammt aus Kundus in Nordafghanistan. Er arbeitete dort als Journalist fürs Fernsehen, unter anderem für den staatlichen Sender RTA. Wegen seiner Berichte über Mädchenschulen erhielt er von der Taliban-Miliz Morddrohungen und musste fliehen. Seit 2014 lebt er mit seiner Familie in München.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Noori für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie er die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite. Hintergründe zu unseren Kolumnisten finden Sie hier.

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