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Neue Heimat:Erst in Deutschland kommt ein Polizist, der helfen will

Hofbräukeller in München, 2016

Polizeifahrzeug vor dem Hofbräukeller am Wiener Platz in Haidhausen.

(Foto: Stephan Rumpf)

An die Polizei in seiner Heimat hat unser afghanische Kolumnist hingegen nur schlechte Erinnerungen.

Dort, wo ich herkomme, haben Polizisten eine blaue Uniform an, taubenblau. Tauben sind ein Zeichen für den Frieden. Bayerische Polizisten haben eine grüne Uniform an, grün wie die Farbe der Hoffnung. Die Farben der Uniformen senden zwar ein positives Signal aus, das ist eine Gemeinsamkeit meiner früheren Heimat Afghanistan und meiner jetzigen Heimat Oberbayern. Es ist aber nicht die einzige: Egal ob in Freising oder in Kabul, es gibt immer Leute, die über Polizisten schimpfen.

In Afghanistan ist das aus meiner Sicht verständlich. Ich habe sehr darunter gelitten, dass mir die Polizei in meiner Notlage nicht helfen konnte, als ich ins Visier der Drogenhändler geraten war. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich auf dem Präsidium war, und darum bat, meine Verfolger einzusperren oder zumindest mich, zum Schutz. Es ging soweit, dass ich vor knapp drei Jahren meinen Tod durch eine Autoexplosion fingierte. So konnte ich abhauen, ohne meine Familie zu gefährden.

Aufgrund meiner Geschichte bin ich was Erfahrungen mit der Polizei angeht zugegebenermaßen ein gebranntes Kind. Und auch wenn ich jetzt seit drei Jahren in Deutschland bin: Wenn ich einen Vergleich mit europäischen Beamten ziehe, würde wahrscheinlich noch immer jeder Polizist gut wegkommen. So schnell vergisst man nun mal nicht.

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Es ist jetzt etwa ein halbes Jahr her, dass ich erstmals in Deutschland mit der Polizei zu tun hatte, und es war ein besonderes Erlebnis. Ich wollte gerade vom Heimeranplatz zu einem Freund radeln. Es war schon dunkel, mein Fahrradlicht ging weder vorne noch hinten. Ich wusste, dass es kaputt war, aber ich wollte eben auch nicht zu Fuß gehen.

Und dann passierte, was passieren musste: Ich radelte zwei Polizisten in die Arme. Sie waren beide jung, kamen zu mir und sagten freundlich "Servus" und dass mein Licht nicht gehe. Ich hatte zunächst ein bisschen Angst, obwohl ich schon gehört hatte, dass die Polizei in Deutschland immer so nett ist. Aber ich hatte ja eben kein funktionierendes Licht, was man haben muss, wenn man nachts in einer deutschen Stadt umherradelt.

Ich sagte, dass mein Licht kaputt gegangen sei. Der eine fragte, ob ich noch mal probieren könne, es anzuschalten. Ich probierte es noch mal, und noch ein zweites Mal, aber es ging nicht. Dann wollte er meinen Ausweis sehen und fragte, ob ich Arbeit habe. In Afghanistan sind die Polizisten immer recht laut, doch dieser Mann brüllte nicht, er hatte eine freundliche Stimme. Ich sagte, dass ich seit zwei Wochen eine Arbeit gefunden hatte, was stimmte. Ich glaube, er hat gesehen, dass ich in Deutschland nichts Falsches gemacht habe, außer bei Nacht ohne Licht Fahrrad zu fahren.

Der Polizist sagte: "Kauf dir ein Licht, dann beschützt es dich." Am Ende wünschte er mir noch einen schönen Abend und sagte "Ciao". Für mich war das ein sehr schönes Erlebnis, weil ich das erste Mal in meinem Leben ein Erlebnis mit einem Polizisten hatte, der mich weder bestrafen noch ignorieren wollte. Ich hatte das Gefühl, dieser Polizist wollte auf mich aufpassen.

Mitarbeit: Korbinian Eisenberger

Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Der Autor: Tahiri Ahmed, 23, stammt aus Afghanistan, 2014 flüchtete der damalige Student vor der Drogenmafia. Seit zwei Jahren lebt er in Freising. Um Familie und Freunde zu schützen, schreibt er unter einem Pseudonym. (Foto: Florian Peljak)

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Ahmed für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie er die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite.