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Neue Erkenntnisse:Münchner Amokschütze sparte lange auf die Waffe

Nach Schießerei in München

57 Schüsse gab David S. bei seinem Amoklauf ab. 300 weitere befanden sich in seinem Rucksack, als er die Waffe auf sich selbst richtete.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Über Monate legte sich David S. das Taschengeld und seinen Verdienst vom Zeitungsaustragen auf die Seite. Mit Schießübungen bereitete er sich auf die Tat vor.

Von Martin Bernstein

Neueste Erkenntnisse der 65-köpfigen Sonderkommission im bayerischen Landeskriminalamt (LKA) und der hessischen Ermittler zeigen: David S. hat seinen Amoklauf vom 22. Juli akribisch geplant. Der 18-jährige Münchner hatte lange auf die Tat gespart. Und er hat sich mit Schießübungen auf den Amoklauf vorbereitet.

Zweimal kaufte David S. Munition bei dem 31-jährigen Waffenhändler. Alexander Badle, Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Hessen, sagte am Mittwoch in Frankfurt, David S. habe am 20. Mai in Marburg für 4000 Euro die Glock 17 mit 100 Schuss Munition gekauft und am 18. Juli weitere 350 Schuss Munition für 350 Euro. 57 Schuss gab David S. am Tatabend ab, rund 300 Schuss befanden sich noch in seinem Rucksack, den LKA-Spezialisten nach dem Selbstmord des Amokläufers öffneten.

Was mit den fehlenden 100 Schuss passiert ist, erklärt LKA-Sprecher Ludwig Waldinger so: "Er hat geübt." Die Münchner Ermittler haben inzwischen herausgefunden, wo David S. sein Probeschießen abgehalten hat, geben sich aber noch bedeckt. Die Schießübungen fanden offenbar im Inland statt.

Auf seinen Amoklauf am fünften Jahrestag des Breivik-Attentats hatte David S. lange gespart. Er habe keine anderen Ausgaben gehabt, sagte Waldinger, sondern sein gesamtes Taschengeld und seinen Lohn für das Austragen von Zeitungen für diesen einen Zweck zurückgelegt.

Viel Zeit habe David S. zudem in der virtuellen Welt verbracht. Im Internet spielte er verschiedene "Ego-Shooter", nicht nur "Counter Strike", bei dem Teams gegeneinander antreten. Ermittler fanden heraus, dass der 18-Jährige auch "Call of Duty" und "Grand Theft Auto V" spielte - Computerspiele, bei denen Einzelkämpfer in der Rolle von Soldaten, aber auch von gescheiterten Existenzen "Kampagnen" bewältigen müssen.

Irgendwann beendete David S. das Töten. Warum, wissen die Ermittler nicht

Motive wie labyrinthische Wege, Anschläge in Einkaufszentren und Schüsse auf Autos lassen Parallelen zum Amoklauf von David S. erkennen. Denn auch der 18-jährige Münchner feuerte aus seiner Pistole 17 Mal auf ein Auto, das im Zwischengeschoss des OEZ-Parkdecks stand. Die Ermittler haben dafür noch keine Erklärung.

"Reine Spekulation" ist es für Ludwig Waldinger auch, warum David S., der Minuten zuvor noch wehr- und arglos dasitzende Jugendliche regelrecht hinrichtete, plötzlich das Töten beendete. Sowohl auf seinem Weg zum Parkhaus als auch später bei der Suche nach einem Versteck in der Henckystraße schoss S. nicht mehr auf Menschen, obwohl ihm viele Flüchtende entgegenkamen und ihn Anwohner - nicht ahnend, wen sie vor sich hatten - ansprachen.

Zum letzten Mal feuerte David S. auf einen Mann, der sich vom Balkon herab ein Wortgefecht mit ihm lieferte. Kurz darauf entdeckten zwei Polizisten den Amokläufer auf dem Parkdeck. David S. zielte auf die Beamten. Einer von ihnen gab einen Schuss ab, worauf David S. hinter der Balustrade verschwand. In dem Glauben, den Täter getroffen zu haben, eilten die Polizisten nach oben. Doch David S. war verschwunden. Er versteckte sich und schoss zweieinhalb Stunden später ein letztes Mal - auf sich selbst.

© SZ vom 18.08.2016/imei
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