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Nahverkehr:Signal für Blinde: Das entscheidende Piepen an der S-Bahn-Tür fehlt

Auf der Suche nach der Tür muss sich Melanie Egerer vor dem Einsteigen an der S-Bahn entlangtasten.

(Foto: Robert Haas)
  • Sehbehinderte und blinde Menschen müssen einen S-Bahn-Zug abtasten, um die Tür zu finden.
  • Ein 70 Dezibel lautes Signal soll Abhilfe schaffen - doch in München erklingt der Ton nur im Bahnwaggon.
  • Viele Fahrgäste stören sich zudem an dem lauten Geräusch, das Gespräche im Wagen übertönt.

Von Daniel Sippel

Melanie Egerer tastet sich die Zug-Außenwand entlang. Ihre Fingerkuppen erspüren Fensterdichtungen, dann kalten Stahl. Immer weiter tapst sie auf dem Bahnsteig des Münchner Hauptbahnhofs, in der rechten Hand ihren Blindenstock, die Linke an der stehenden S-Bahn. Sie sucht eine Tür. Nach 15 Sekunden ertastet sie einen Türspalt, endlich. Jetzt noch den Knopf zum Öffnen finden, dann hat sie es geschafft. Eilig suchen ihre Finger die regennasse Tür ab, da ermahnt eine freundliche Frauenstimme aus dem Lautsprecher: "An Gleis eins bitte nicht mehr einsteigen." Melanie Egerer weicht zurück.

"Da wäre es wichtig gewesen, ich hätte einen Signal-Ton gehört", sagt sie. Vor ihr beginnt die S-Bahn zu summen und fährt davon. Vielleicht erwischt sie die nächste Bahn, in zwanzig Minuten. Egerer, 35 Jahre alt, ist seit ihrer Geburt blind. Sie arbeitet beim Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund, gegenüber vom Hauptbahnhof. Den kennt sie genau, sie weiß, wo sie Dunkin' Donuts, Tabak Arnold und die Polizei finden kann. Nur die S-Bahnen fahren ihr und anderen blinden Menschen davon - wenn sie die Türen nicht rechtzeitig finden.

Die Europäische Union beschäftigt das Problem schon länger. Im Jahr 2014 erließ sie die Verordnung 1300. Die betrifft ICE-Züge genau wie Münchner S-Bahnen und regelt auf Hunderten Seiten nicht nur, auf welcher Höhe die Toilettensitze in Zügen angebracht sein müssen (450 bis 500 Millimeter) und wie viele "Vorrangsitze" für Menschen mit Behinderungen zu reservieren sind (zehn Prozent). Auch einen Warnton verordnet die EU, damit sehbehinderte und blinde Menschen wie Egerer nicht mehr den Zug abtasten müssen, um Türen zu finden. Ein 70 Dezibel lautes Signal soll ertönen - im Zug und außerhalb des Zugs -, bevor die Türen zum Öffnen freigegeben sind. So die Theorie.

In der Praxis erklingt dieser Ton in der Münchner S-Bahn aber nur im Innern des Zugs - wo Melanie Egerer den Ton eigentlich nicht braucht. Um hier die Tür zu finden, orientiert sie sich tastend an den Sitzreihen. Das funktioniere gut, sagt sie. Außen am Zug würde ihr ein Signalton dagegen sehr viel mehr helfen, um in die S-Bahn einsteigen zu können. Doch eben dieses Piepen vergönnt die Deutsche Bahn (DB) ihr nicht - obwohl die EU-Verordnung den Ton ausdrücklich auch für den Außenbereich von Zügen vorschreibt.

Ein Sprecher der DB erklärt das fehlende Piepgeräusch außen an den Türen so: Die EU-Verordnung müsse nicht "Buchstabe für Buchstabe" ausgelegt werden. Denn für die alte S-Bahn-Flotte in München gebe es einen "Bestandsschutz". Die Züge bekommen daher nur ein günstiges Software-Update, damit der Signalton innerhalb des Zugs beim Freigeben der Türen erklingt. Lautsprecher an der Zug-Außenwand werden nicht nachgerüstet.

Es müsste auch draußen piepen

Bis Mitte Dezember 2016 installiert die DB in allen Münchner S-Bahnen ihr Software-Update für das Piepgeräusch. Das Signal übertönt mit seinen 70 Dezibel normale Gespräche - und stört deswegen viele Fahrgäste. Der Fahrgastverband Pro Bahn erhielt bereits zahlreiche Beschwerden. Passagiere, die wegen des grellen Tons um ihr Hörvermögen fürchten, können aber beruhigt sein: Laut Professor Thomas Wustrow, Münchner Arzt für Ohrenheilkunde, schaden Frequenz und Lautstärke des Piepens dem Gehör nicht.

Um ihre Ohren sorgt sich Melanie Egerer nicht - eher um ihre Hände. Sie trage immer feuchte Tücher bei sich, damit sie nach der Suche nach einer S-Bahn-Tür, nach dem Abtasten des Zugs, ihre Finger säubern kann. Sie räumt ein, dass einige Blinde auch den Signalton im Innern der Bahn schätzen. Denn wie sollen sie unterscheiden, wann der Zug wartend im Tunnel steht und wann er einen Bahnhof erreicht, wo sie aussteigen dürfen? Immerhin dieses Problem ist durch die piependen Türen gelöst.

© SZ vom 21.11.2016/vewo

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