bedeckt München 15°

Kommentar:Das neue Piepen in den S-Bahnen nervt

S-Bahn München

Nicht nur notorisch unpünktlich, sondern auch noch nervig piepsend: Die Münchner S-Bahn.

(Foto: dpa)

Das Geräusch sollte Blinden eigentlich eine bessere Orientierung bieten. Der MVV will damit EU-Recht umsetzen. Im Sinne der Fahrgäste ist das aber nicht, auch nicht in dem der blinden.

Kommentar von Stefan Simon

Ein neues Geräusch ist in der Stadt. Ein unangenehm hohes und unangenehm lautes Pfeifen, das jeden Moment an der einen Stelle losbrechen kann, um nach fünf Sekunden abzureißen und an einem anderen Ort von Neuem zu ertönen. Seit Tagen irrlichtert dieser Ton schon durch Stadt und Umland, mit einer Frequenz von 3000 Hertz und einer Lautstärke von 70 Dezibel. Das entspricht einem Tinnitus in der Lautstärke eines Staubsaugers. Und ist vom Gesetzgeber angeblich so vorgeschrieben.

Das Fiepen ertönt jedes Mal, wenn eine S-Bahn stehen bleibt und der Fahrer die Türen freigibt. An jeder Station, in jedem Wagen, an jeder Tür. Genervte Fahrgäste erinnern sich wehmütig an Zeiten, als der MVV mit Plakaten in den Zügen um Rücksicht warb: "Aus dem Walkman tönt es grell - den Nachbarn juckt's im Trommelfell." Doch nun sind es die S-Bahnen, die zur Belastung für die Ohren und Nerven der Passagiere werden.

Die Verantwortlichen argumentieren mit europäischen Richtlinien, die es zum Ziel haben, den Bahnverkehr möglichst einheitlich behindertengerecht zu machen. Blinde soll das Piepen darüber informieren, wann sie auf den Knopf zum Öffnen der Türen drücken können.

Eine solche Norm klingt sinnvoll, ist es aber ohne genormte Züge nicht. Fahrgastvertreter halten das den Verkehrsbetrieben in deutschen Städten seit Jahren vor: Es besteht ein Unterschied zwischen Fernzügen, die zwei vom Fahrgastraum abgetrennte Ein- und Ausstiege haben und im Schnitt alle 60 Minuten halten, und S-Bahnen, die 36 Türen pro Zugteil haben und alle zwei Minuten stoppen.

Die S-Bahn München hat lange mit der Umsetzung der EU-Vorschrift gewartet. Im Sinn der Fahrgäste ist sie aber nicht, auch nicht in dem der blinden. Früher hörten sie auch so, wann der Zug steht und sie aussteigen können. Das geht im infernalischen Pfeifen und Piepen heute unter.

© SZ vom 10.10.2016
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB