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Musik:München, wie es spinnt und kracht

Tom Zwotausend

21 Stücke hat Kurator Tom Zwotausend zusammengetragen.

(Foto: Kipp Kruger)

Der Sampler "Alternative Fakten Vol. 2" soll die Subkultur stärken und Stadtgeschichte neu erzählen

Von Stefan Sommer

Auch Kaltgetränke haben Gefühle. Ihr Kühlschrank-Dasein ödet sie an, ihr Platz zwischen Aufschnitt und Joghurt nervt. Auch Kaltgetränke haben Träume. Sie wollen raus in die Welt, als Flaschenpost durch die Ostsee schippern, an einem Schiffsbug zerschellen und in tausend Scherben zerbrochen an tausend Küsten geschwemmt werden. Wie sie sich das konkret vorstellen, lässt sich selbstverständlich schwer sagen. Das geheime Leben der Kaltgetränke ist weitestgehend unerforscht. Das Lied "Ich bin ein Kaltgetränk, ich wohne im Kühlschrank" gibt nun doch erste Hinweise, welches Fernweh in den Flaschen wohnen könnte.

Thomas Schamann alias Grotto Terrazza hat das Stück geschrieben. Der Münchner Autor, Sänger der Band Die Spiiiders und Booker der Milla steuert mit dem Blick in die Seele der sonst stillen Kühlschrankbewohner einen der Höhepunkte des Samplers "Alternative Fakten Vol. 2" bei. Die Nabelschau der Durstlöscher ist eines von 21 Stücken, die der DJ und Kurator Tom Zwotausend über das Pandemie-Jahr zusammengetragen hat. Einer der Macher der Veranstaltungsreihe "Alternative Fakten", die 2018 im Import/Export ihre Heimat gefunden hat, versucht sich an einer musikalischen Kontererzählung zum ewigen Schickeria-Kitsch: Alerta, alerta statt Bussi, Bussi. Die Liedersammlung liefert eine Perspektive auf Münchner Subkultur, eine Momentaufnahme der Stadt zwischen Punk, Wave, Kraut und Disco.

"Einerseits geht es um den Bruch mit der Lederhosen-Attitüde, andererseits bestehende Gegenströmungen zu unterstützen", sagt Tom Zwotausend, der ein aktiver Teil der Demos gegen das Polizeiaufgabengesetz 2018 war. Über die letzten zehn Jahre hätten sie sich ein Umfeld aus Künstlerinnen und Künstlern aufgebaut, erklärt er, die zwischen Kunstakademie, Clubszene und Demotruck einen widerständigen Sound entwickeln. Bands wie Frauenstrasse und Faileri Fallera, die auf dem Sampler vertreten sind, wollen Pop dekonstruieren: ein Boykott des Gegebenen, den nicht jeder mit München in Verbindung bringt. "Mit edgy Untergrundkultur made in Söderland hat man es oft nicht so leicht im Rest von Deutschland", weiß der DJ und Kurator.

"Alternative Fakten Vol. 2" wagt den Versuch, die Klischees der Oktoberfeststadt zu unterlaufen. Das ist quälend, lärmend, vorlaut, gaga, lustig, atonal, geisterhaft, politisch, albern, aber erhellend. Zwischen Hausbesetzerromantik und der Verweigerung der Strophe-Refrain-Strophe-Doktrin, entfalten die Stücke im Kollektiv, im Verbund eine Ästhetik des Neins. Sperrigkeit und Wahnwitz eint die Beiträge, ob von bekannten Gestalten des Münchner Nachtlebens wie "Psychedelic Porn Funk"-Kopf Thur Dephrey oder mysteriösen Unbekannten wie dem Produzenten Rolf Eiswürfel.

Non-Sense als Programm, Non-Sense als Statement: Im Stück "Polizei" flehen erwachsene Männer ihre Mütter um Geld an, der "Promo DJ" lässt Polizei-Sirenen quietschen, und zum Schluss quaken Querdenker ihre Parolen über repetitive Loop-Collagen. Die Sammlung, die auch als Kassetten-Tapes erscheint, soll die Gemütslage der Gesellschaft während der Pandemie einfangen, so der Kurator. "Die Welt ist aus den Fugen", meint Tom Zwotausend. "Das wird beim Anhören hoffentlich deutlich!" Man wolle, führt er aus, dem "erdrückenden Konformismus und der Monokultur-Tristesse" etwas entgegensetzen.

So schlägt der Sampler "Alternative Fakten Vol. 2" einen eigenen Kanon aus Münchner Stimmen vor, die die Stadt neu erzählen. Die Auswahl feiert Gegenkultur in einer Zeit, die es Kultur schwer macht. Denn aktuell wünschen sich wohl nicht nur Schamanns Kaltgetränke Urlaub von ihren vier Wänden.

Alternative Fakten Vol 2., erscheint am 8. März, digital und als Kassette, alternativefakten089.de

© SZ vom 05.03.2021
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