bedeckt München
vgwortpixel

Musik:Die wahre Old School

Hip-Hop als jüngste musikalische Revolution hat die Ü30 erreicht

Der Fortbestand der Menschheit, wie wir sie kennen, hängt vom Nacktmull ab. Genauer: von der DNA des Nacktmulls. Das unförmige Nagetier, das anatomisch Ähnlichkeiten mit einem Wienerwürstchen hat, ist dem Menschen dennoch eins voraus: Es altert so gut wie nicht. Sterben artverwandte Säugetiere nach wenigen Jahren, robbt die glitschige Kreatur bis tief in seine Dreißiger über die Erde - ohne Falten zu bekommen, Haarausfall oder um die Körpermitte zu erschlaffen. Der Nacktmull bietet der Sterblichkeit die Stirn wie ein griechischer Gott. In seiner Hybris den Tod zu überwinden, hat jetzt sogar das Silicon Valley das Wundertier aus Ostafrika entdeckt. 90 Prozent aller Labor-Nacktmullkolonien sollen im Besitz von Google sein.

Bis der Trick des Tierchens entschlüsselt ist, muss der Mensch sich auf dem Weg zur ewigen Jugend allerdings noch vertrösten. Er kann nicht für immer 17 sein kann, nein, das kann er nicht. Noch nicht! Um sich zu fühlen wie mit 17, gibt es aber schon heute Möglichkeiten: Anti-Aging-Cremes, Heilfasten, Yoga, Smoothies, Botox, Fotoalben, Klassentreffen und Münchens erste Ü30-Hip-Hop-Party "Old But Gold", die an diesem Samstag von 22 Uhr an im Backstage stattfindet. Wer sich für alt, aber golden hält, ist hier richtig. Glaubt man dem Promotext, haben die "Kings" und "Queens" von damals an diesem Abend die Chance, den "Kids" zu beweisen, dass sie noch nicht zum alten Eisen gehören, dass sie es auf dem "Dancefloor" noch "draufhaben".

Wer will das nicht? Auf die eventuell veränderte Familiensituation der "Kings" und "Queens" von damals vorbereitet, empfehlen die Organisatoren den "Mamis und Papis" von heute allerdings, für den wilden Abend frühzeitig einen Babysitter zu blocken und ihren Ausweis nicht zu vergessen. Eintritt in den exklusiven Ältestenrat werde nur denen gewährt, die beweisen könnten, dass sie alt genug sind. Wie früher. In der Disko. Mit 17! Wer braucht den Nacktmull, wenn "Mami" und "Papi" an Sonnabend die Baggy-Pants vom Speicher kramen, um in geschlossener Gesellschaft zu Tupac und den Beginnern den Speck zu schütteln? Was nützt eine spektakuläre DNA, wenn man im Früher-War-Alles-Besser-Gefühl schwelgen kann? Es gibt keine Nostalgie ohne Sterblichkeit und keine Ü30-Partys im Zeitalter des Nacktmull, das zum Glück noch nicht angebrochen ist. Und das ist schön.

© SZ vom 22.02.2020
Zur SZ-Startseite