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Musik:Der Horizont steht schräg

Zwischendurch auch mal Fahrrad fahren: Leonie Felle mit ihren Bandmitgliedern Hagen Keller, Sascha Schwegeler und Jakob Egenrieder. Die Vermischung verschiedener Künste zu einer Sinneinheit ist charakteristisch für ihre Arbeit, in der sie Installationen, Performances und Konzerte kombiniert.

(Foto: Andreas Stäbler)

Die bildende Künstlerin und Musikerin Leonie Felle alias "Leonie Singt" bringt ihr zweites Album heraus. Die Münchner Chansonnière gibt sich melancholisch, verarbeitet Gedanken vom Scheitern und Gefühle von Empörung

Wenn Leonie Singt ein Bild wäre, dann wäre ein Kreis darauf zu sehen. So sagt es Leonie Felle, Sängerin der Gruppe, selbst. Denn anders als der Name vermuten lässt, steht hinter Leonie Singt eine vierköpfige Band. "Wir gehen Hand in Hand", sagt sie und meint damit auch den französischen Produzenten Fred Raspail, mit dem sie ihr neues Album "Horizont" aufgenommen und produziert hat. Der dürfte auch mitverantwortlich dafür sein, dass "Horizont" dank erweiterter Instrumentierung variationsreicher, melodiöser und oft auch rockiger klingt als das arg chansonhafte Debütalbum "Leonie Singt": Zu hören ist neben der klassischen, gitarrenlastigen Besetzung auch etwa Banjo, Klarinette oder Violine.

Fünf Jahre hat es gebraucht, bis die Münchner Gruppe diesen Sound zusammenhatte. Am vergangenen Freitag nun veröffentlichte das Münchner Label Gutfeeling jenes zweite Album, das so tiefsinnig und oft bittersüß schwer nach Einsamkeit klingt. Denn in einigen der zwölf Lieder verarbeitet Leonie Felle eskapistische Gedanken vom Scheitern, des Sich-Verstecken-Wollens und einer Welt in Disbalance. So wie im titelgebenden Track "Horizont": Langsam baut sich das ruhige und doch intensive Stück auf, lässt sich auf fünf Minuten viel Zeit zur Entfaltung. "Es schaukelt und ich wanke / Der Horizont steht schräg" singt Leonie Felle in ihrem melodiösen Sprechgesang, der manchmal so frappierend nach Hildegard Knef klingt.

Der Song gleichwohl steht nicht nur für sich, er ist auch Bestandteil einer dreiteiligen Installation Leonie Felles. Denn Leonie singt nicht nur, sie arbeitet auch als bildende Künstlerin. Zu "Horizont" also gehört auch ein Selbstporträt von ihr - eine Fotografie, die gleichzeitig das Cover des Albums ziert. Darauf steht sie auf einer nebligen Wiese, ein Holzruder in der Hand. Das "echte" Ruder ist sodann der dritte Teil der Installation, die Felle konsequenterweise auch "Horizont" getauft hat.

Wer sich mit dem Arbeiten Felles befasst, erkennt darin schnell ein Muster. Die Vermischung verschiedener Künste zu einer Sinneinheit sei integraler Bestandteil ihrer Arbeit, sagt sie. Wahrscheinlich ist es sogar das Motiv, das Leonie Singt am meisten ausmacht. Dazu kam sie so: An der Münchner Fachakademie für Fotodesign lernte Felle zunächst Fotografieren, fand später unter Bildhauer und Professor Olaf Metzel an der Akademie der Bildenden Künste ihr eigenes, künstlerisches Sprachrohr: mit der Kombination von Installationen, Performances - und eben Konzerten.

Das Motiv der Zeit kann man gewiss als roten Faden im Schaffen Leonie Felles bezeichnen. Oft sind Uhren Protagonisten ihrer Installationen und das Unterwegssein häufiges Motiv.

So wie in "Deine Reise", die erste Singleauskopplung der neuen Platte. Klanglich hebt sich der Song durchaus von den anderen ab: Flotte Indie-Riffs erinnern an Wir sind Helden oder Madsen. Es geht um das Leben als ständige Reise. "Warum bleibst du? / Wohin gehst du? / Warum bist du hier?" fragt Leonie Felle darin. Im anachronistisch anmutenden Video sind geschlagene drei Minuten lang Kinder und Jugendliche zu sehen, wie sie in einer Schlange durchs Bild laufen. Freilich, "es geht auch um Adoleszenz", sagt Felle, "aber das ist nur eine Interpretation."

Unterschiedlich interpretiert werden kann auch "Freund ohne Flügel". Rabenschwarze Verse wie "Mein Freund sprang gestern aus dem Fenster / Wer weiß, ob er dabei lachte" klingen auf verstörende Weise suizidal. Felle aber will sich auf diese Interpretation nicht einlassen: "Das Lied ist für einen Freund entstanden, der eine Aufmunterung brauchte. Vielleicht hatten wir da einen komischen Sinn für Humor." Es sei vielmehr die Faszination an Musik, dass sie von jedem Hörer und Hörerin anders interpretiert werde. Und wer die Platte hört, wird schnell verstehen, dass Leonie Felle mit der neuen Platte noch auf mehr aufmerksam macht: dass Leben vergänglich ist. Aber auch stets neues Leben entsteht, ein ewiger Kreislauf gewissermaßen. So wie in "Blow, Wind, Blow" das im Walzertakt daherkommt und mit dem impressionistischen Klarinettenspiel von Theresa Loibl einmal mehr an französische Chansons erinnert. Dazu der Sprechgesang Leonie Felles, die zentrale Phrase "Leave me alone" vehement repetierend. Es gehe um Vergänglichkeit, "eine Generation kommt, eine Generation geht".

Dass Leonie Felle mit "Horizont" eine Ode an die Einsamkeit geschrieben und vertont hat, scheint allweil auf ironische Weise passend. Eigentlich hätten Leonie Singt am letzten Freitag ein Release-Konzert im Heppel & Ettlich geben sollen. Die Karten könne und solle man wenn möglich behalten - die Band will in diesem Jahr sicher noch ein Ersatzkonzert anbieten. Auch ihre Ausstellung als bildende Künstlerin in der Rathausgalerie sei verschoben worden. Für sie selbst hat die coronagetränkte Zeit dennoch etwas Gutes: Kulturschaffenden sei nie langweilig. "Ich mache Musik, schreibe, lese, zeichne und verarbeite damit die Ideen, die ich schon lange im Kopf hatte", meint Felle. Und wer nicht so kreativ ist, für den hat sie einen anderen Vorschlag: mal einen Brief schreiben.

Leonie Singt: "Horizont" (Gutfeeling Records)

© SZ vom 23.03.2020
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