bedeckt München 15°

Museum:Aufarbeiten und weitergehen

Ungeklärte Eigentumsverhältnisse: Gustav Graefs "Auszug der ostpreußischen Landwehr ins Feld 1813".

(Foto: KOG/Wolfram Schmidt)

Das Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg treibt die Provenienzforschung voran und plant das nächste Jahr

Von Sabine Reithmaier, Regensburg

Ende November hat das Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg sein erstes Provenienzforschungsprojekt abgeschlossen. Zwei Gemälde stufte die Forscherin Natascha Mazur als bedenklich ein: Jakob Steinhardts beidseitig bemaltes Bild "Leichenzug (Straßenzug) / Dorf (Zerkow)" aus den Jahren 1922/1924 und Gustav Graefs "Auszug der ostpreußischen Landwehr ins Feld 1813" aus den Jahren 1860/1861. Bei beiden Werken gelang es Mazur nicht, vollständig zu klären, wem sie zwischen 1933 und 1945 gehörten.

Vor 1933 befanden sie sich jedenfalls in jüdischem Besitz. Dass es sich aber tatsächlich um NS-Raubkunst handelt, konnte sie bislang nicht nachweisen. Von Dezember 2018 an hat Mazur die Herkunft von 146 Gemälden aus dem stiftungseigenen Bestand untersucht, darunter auch Dauerleihgaben der Freunde und Förderer des Kunstforums. Im Fokus stand die Zeit zwischen 1933 und 1945, um einen NS-verfolgungsbedingten Entzug der Werke auszuschließen. Für immerhin 38 Gemälde gelang es Mazur, die Eigentumsverhältnisse zwischen 1933 und 1945 vollständig zu klären. Die Provenienz weiterer 106 Werke dagegen konnte sie trotz intensiver Forschung nur lückenhaft darstellen. Konkrete Anhaltspunkte, dass es sich um NS-Raubkunst handelt, fand sie nicht.

In den kommenden zwei Jahren werden weitere 350 Kunstwerke untersucht

Die Daten der zwei als bedenklich eingestuften Gemälde hat das Museum inzwischen an die vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste angelegte Lost-Art-Datenbank übermittelt. Seit dem 2. Dezember sind sie hier unter den Lost-Art-ID-Nummern 592582 und 592583 als Fundmeldungen gelistet. Die Provenienzforschung in Regensburg geht nahtlos weiter. Das zweite Projekt, wieder auf zwei Jahre befristet, ist bereits gestartet. Mazur untersucht weitere 350 Kunstwerke, dieses Mal die Leihgaben der Bundesrepublik Deutschland, die sich dauerhaft im Kunstforum befinden.

Doch das Museum beschäftigt sich nicht nur mit Provenienzforschung, sondern plant auch bereits die Ausstellungen für 2021. Nach der Retrospektive "Peter Weibel - (Post-)Europa?", die derzeit nur virtuell im Internet zu sehen ist, folgt von Mai an die Ausstellung "Grenzen in der Kunst". Gezeigt werden tschechische Künstlerpositionen aus drei Generationen. Die Ausstellung beleuchtet, inwiefern Kunst Grenzen kennt, auf Grenzen reagiert und Grenzen widerspiegelt. Der Bogen der Werke spannt sich von den 1920er-Jahren bis 2019 über drei Generationen, politische Veränderungen und Ländergrenzen hinweg. Die Künstler sind die surrealistische Malerin Toyen (1902-1980), die Bildhauerin und Fotografin Magdalena Jetelová (*1946) und der Installationskünstler Krištof Kintera (*1973).

Eine weitere Ausstellung widmet sich im Oktober dem Werk von Sigmar Polke (1941- 2010). Polke war bisher zweimal im Kunstforum zu sehen: 2006 sowie 1993 anlässlich der Verleihung des Lovis-Corinth-Preises. Die Schau "Sigmar Polke. Dualismen" versteht das Museum als eine Würdigung anlässlich seines 80. Geburtstags. Das Konzept greift ein für Polkes künstlerische Strategie wichtiges Prinzip auf: die "Dualismen" als sich ergänzende Zweiheit, aber auch als Polarität.

Die Grafische Sammlung, mit rund 40 000 Zeichnungen, Druckgrafiken und Fotografien der umfangreichste Teil des Museumsbestandes, hat seit Oktober mit Sebastian Schmidt einen neuen Sammlungsleiter. Er ist gerade dabei, aus Anlass des bundesweiten Projekts "1 700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" eine Kabinettausstellung vorzubereiten. Im Mittelpunkt steht Bedřich Frittas Buch "Für Tommy zum dritten Geburtstag in Theresienstadt". Die berührende Botschaft des Künstlers an seinen kleinen Sohn entstand 1944 in dem KZ Theresienstadt. Das Original des einzigartigen Buches wird noch einmal in Regensburg gezeigt, bevor es dann an das Jüdische Museum Berlin geht.

© SZ vom 05.01.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema