Theater Als die Opernkarte noch 50 Pfennig kostete

Die Münchner Kammerspiele sind eines von vielen Theatern, für die die Volksbühne ermäßigte Tickets anbietet.

(Foto: Robert Haas)
  • Vor hundert Jahren gründete Georg Mauerer die Volksbühne München, um Arbeitern für wenig Geld den Zugang zu Theater und Oper zu ermöglichen.
  • Premiere feierte sie im Schauspielhaus an der Maximilianstraße. Damals, am 29. September 1918.
  • An diesem Samstag von 18 Uhr an feiert der Verein im Künstlerhaus am Lenbachplatz seinen 100. Geburtstag.
Von Franziska Gerlach

Im besten Zwirn, die Schuhe geputzt, und vermutlich auch ziemlich aufgeregt ob dieses für einen Arbeiteralltag nicht ganz alltäglichen Ereignisses. So stellt man sie sich vor, die Vereinsmitglieder der Volksbühne München vor der Premiere im Schauspielhaus an der Maximilianstraße. Damals, am 29. September 1918. Und es ist sicher kein Zufall, dass der gemeinnützige Verein als erstes Theaterstück überhaupt Georg Kaisers Schauspiel "Die Bürger von Calais" ins Programm hievte, das seine Kritik am Bürgertum nicht gerade sparsam dosiert.

Auch einhundert Jahre später hat es sich der von Georg Mauerer gegründete Verein zur Aufgabe gemacht, den Münchnern den Zugang zur Kultur zu erleichtern. Der gelernte Sattler hatte von 1914 an als Magistrat die politischen Geschicke der Stadt mitbestimmt und als Koreferent des Hauptwohlfahrtsausschusses die Armut in der Stadt zu lindern versucht. Ein Foto von 1968 zeigt einen Mann mit dichtem Haar und dem absoluten Willen in den Augen, für seine Ideale einzustehen. Und es ist schon ein kleines Wunder, dass Mauerers Verein allen Widrigkeiten zum Trotz - dem Verbot durch die Nationalsozialisten oder einem Rückgang der Mitgliederzahlen im Wohlstandsmünchen der Achtzigerjahre - an diesem Samstag von 18 Uhr an im Künstlerhaus am Lenbachplatz seinen 100. Geburtstag feiert.

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"Besucherorganisation" nennen Geschäftsführer Bernhard Müller und der Vereinsvorsitzende Jürgen Bach die Münchner Volksbühne. Wer im Jahr 2018 einen jährlichen Mitgliedsbeitrag von 19 Euro entrichtet, erhält ermäßigten Eintritt nicht nur zu den Aufführungen der großen Münchner Häuser wie den Kammerspielen oder dem Residenztheater, er bekommt auch vergünstigte Karten für die Pasinger Fabrik und das Teamtheater sowie für Konzerte, für Klassik, Jazz und auch Pop.

Geändert hat sich in einhundert Jahren natürlich trotzdem viel. 50 Pfennig kostete eine Opernkarte einst für Vereinsmitglieder, heute gibt es auf alle Veranstaltungen etwa 20 Prozent Ermäßigung. Und während die Volksbühne München mit ihrer Kulturförderung inzwischen alle Münchner ansprechen will, egal ob 15 oder 75, arm oder reich, wollte Gründer Mauerer vor allem dem "kleinen Mann" kulturelle Bildung angedeihen lassen. "Die Kunst dem Volke", lautete der Leitspruch. Wie alle Volksbühnen in Deutschland ging auch die Münchner nämlich aus der Arbeiterbewegung hervor, die den Fabrikarbeitern nicht nur bessere Löhne und Arbeitsbedingungen, sondern auch den Zugang zu Bildung und Kultur ermöglichen wollte. "Ein höchstpolitisches Organ", erläutert Bach.

Die Idee einer Münchner Volksbühne hatte Mauerer aus Berlin an die Isar gebracht, wo er nach seinen Wanderjahren einige Zeit zubrachte und gemeinsam mit Gerhart Hauptmann bereits die Volksbühne Berlin ins Leben rief. Wie bitte? Hauptmann? Autor progressiver, naturalistischer Stücke wie "Bahnwärter Thiel" oder "Vor Sonnenaufgang"? "Ja", sagt Bach, "der Hauptmann".

Die Volksbühne würde gerne mehr junge Leute erreichen

Die Pflege der Sitten dürfte auch in München keine tragende Rolle bei der Auswahl des Bühnenstoffs gespielt haben, zumal während der Weimarer Republik - der Blütezeit des Vereins mit rund 30 000 Mitgliedern - das Korsett der Zensur ohnehin gelockert wurde. Das konservative Bürgertum mag die Nase gerümpft haben ob der Nackerten, die da mit einem Mal vors Publikum traten. Bei der Münchner Volksbühne hat man lieber kräftig mitgemischt bei der Programmgestaltung der Münchner Theater und die Inszenierungen von Werken strittiger Autoren wie Frank Wedekind unterstützt. Und heute? Nun, heute zählt die Volksbühne 2100 aktive Mitglieder.

Bach und Müller machen keinen Hehl daraus, dass sie gerne mehr junge Leute erreichen würden. Nicht so einfach in Zeiten, da Streaming-Dienste in den Wohnzimmern für Dauerberieselung sorgen. Dazu kommt in München ein Kulturangebot, bei dessen Fülle man schnell den Überblick verlieren kann. An dieser Stelle setzt der Verein mit einem übersichtlichen, aber abwechslungsreichen Programm an. "Viele Leute schätzen es, an der Hand genommen zu werden", sagt Müller. "Damit sie nicht im Wust des Angebots verloren gehen."

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