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Münchner Stadtmuseum:Neues Sehen

Die "Welt im Umbruch - Von Otto Dix bis August Sander" im Münchner Stadtmuseum zeigt, wie eng sich Malerei und Fotografie in den 1920er-Jahren in Deutschland optisch und thematisch verzahnt haben.

Von Jürgen Moises

Das angeschnittene Schaufenster eines Automobilhändlers im Hintergrund. Rechts eine ebenfalls nur ausschnitthaft zu sehende Litfaßsäule, die mehr als die Hälfte der Bildfläche einnimmt. Und davor: Ein Mann in Anzug, Hemd und mit einer Melone auf dem Kopf, der mit seiner Brille und den großen Augen dahinter so aussieht, als wäre er nur aus Versehen ins Bild geraten. Das ist er aber nicht, denn das Bild von Georg Scholz aus dem Jahr 1926, von dem hier die Rede ist, ist ein Gemälde. Es wurde also alles ganz bewusst so komponiert. Das "Selbstbildnis vor der Litfaßsäule" ist kein zufälliger, spontaner Schnappschuss, auch wenn die Beschreibung danach klingt. Und damit wären wir auch schon mitten im Thema der neuen Ausstellung "Welt im Umbruch. Von Otto Dix bis August Sander - Kunst der 20er Jahre" im Münchner Stadtmuseum. Denn wie eng sich Malerei und Fotografie in den 1920ern in Deutschland optisch und thematisch verzahnt haben: Das ist ein zentraler Aspekt in der Ausstellung, die vom Leiter der Sammlung Fotografie Ulrich Pohlmann zusammen mit Kathrin Baumstark vom Bucerius Kunst Forum in Hamburg kuratiert wurde.

Etwa 250 Fotografien, Gemälde und Grafiken aus mehr als 30 privaten und öffentlichen Sammlungen wie der Berlinischen Galerie, dem Museum Folkwang Essen und dem Münchner Lenbachhaus haben die beiden zusammengetragen. Darunter sind Werke von Aenne Biermann, Germaine Krull, Otto Dix, George Grosz, Hannah Höch, August Sander und Albert Renger-Patzsch. Oder eben Georg Scholz, der mit seinem "Selbstbildnis" ein Inbild der Neuen Sachlichkeit geschaffen hat. Der 1890 geborene Künstler wirkte lange Zeit in Karlsruhe. Von 1933 an galt seine Kunst als "entartet". In der Folge zog er nach Waldkirch um, wo er 1945 starb. Sachlich, kühl, nüchtern und möglichst realistisch: So sollte die neusachliche Malerei sein, für die unter anderem auch der 1929 entstandene "Halbakt" von Christian Schad steht. Auffällig war dabei die Rückbesinnung auf den Gegenstand, die Abkehr vom expressionistischem Pathos und der Abstraktion. Und dass nun vermeintlich Banales und Alltägliches als bildwürdig galt, wie die unspektakuläre Großstadtecke in Scholz' Gemälde.

In der Fotografie war das "Neue Sehen" eine wichtige Stilrichtung. Fotografen wie die in der Ausstellung vertretenen Anne Biermann, Umbo oder László Moholy-Nagy strebten ebenfalls nach einer sachlichen, möglichst emotionslosen Darstellung. Man faszinierte sich für Technik, Maschinen oder auch Fabrikarbeiter. Erich Retzlaff hat 1931 das Gesicht eines "Hochofenarbeiters" fotografiert. Oder für Stoffe, Oberflächen und Strukturen, wie das Treppenhaus in Köln, das Werner Mantz 1930 als steinerne Spirale ins Bild setzt. Erzählt wird von alledem in sieben Kapiteln wie "Stillleben/Die Dinge", "Maschinenkunst und Technikkult" oder "politische Collagen". In letzterem rückt die gesellschaftliche Entwicklung in der Weimarer Republik ins Zentrum. Mit all ihren vielfältigen Umbrüchen, wie sie sich auch in der Fotografie und Malerei spiegeln.

Welt im Umbruch. Von Otto Dix bis August Sander - Kunst der 20er Jahre, Fr., 2. Okt., bis 10. Jan. 2021, Münchner Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1, Telefon 23 32 23 70

© SZ vom 01.10.2020

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