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Münchner Philharmoniker:Versessen auf Details

Virtual Reality Wie Harmonie entsteht
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Probe der Münchner Philharmoniker in 360°

Wie Harmonie entsteht

Auf der Bühne mit den Münchner Philharmonikern: Erleben Sie das Orchester bei der Probe von Anton Bruckners Symphonie Nr. 6 in A-Dur. Und erfahren Sie von Dirigent Valery Gergiev, worauf es ihm bei einer Orchesterprobe ankommt.

Valery Gergiev geht es nicht darum, wie viel man probt, sondern wie man probt - etwa Bruckners Sechste. Die SZ hat den Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker und sein Orchester dabei begleitet und gefilmt.

Um ein Uhr mittags stoppt Valery Gergiev das Orchester. Mitten im Takt nickt er kurz, die Klänge verebben, er grinst und wünscht einen schönen Tag. Es ist die Generalprobe der Münchner Philharmoniker, sie spielen Bruckners Sechste. Man hat die Symphonie jedoch nicht als Vorab-Abbild des Konzerts durchgespielt, so wie man das von Generalproben erwartet, es werden weiterhin Details geprobt.

So konnte das Orchester die Probe vor einem Monat erleben, und so können das die SZ-Leser in einem Video nacherleben, das unter www.sz.de/vr-philharmonie zu finden ist. Das ist umso interessanter, weil derzeit viel darüber spekuliert wird, wie Gergiev eigentlich probt.

Gergiev, der Arbeitswütige, der an so vielen Plätzen gleichzeitig arbeitet, aber vergleichsweise wenig Zeit in München verbringt. Doch es ginge nicht darum, wie viel man probt, haben die Orchester-Vorstände schon zu Beginn der Saison erklärt, es ginge darum, wie man probt. Und das sei bei Gergiev eben besonders. Zwar bestechen Gergievs Konzerte durch scharfe Akzente, klangliches Übermaß und Kraft, doch bei den Proben blickt er erst einmal kleinteilig auf die Musik.

So fordert er bei den ausladenden Bläsersätzen in Bruckners Sechster zwar deren Heldenpathos heraus. Gleichzeitig mahnt er, dass richtige Helden normalerweise nicht herumbrüllen würden, ergo die Bläser bitte mit wunderschönem Ton in das Orchester hineinspielen und nicht laut und breit alles niedermähen sollen.

Kein Interesse an der Makellosigkeit

Durch die sprachliche Bildhaftigkeit erinnert so ein Probenbeisitzen in Gergievs Werkstatt an Leonard Bernsteins Mitwirkung bei der Serie "Young People's Concerts". Die wurde Ende der Fünfzigerjahre ausgestrahlt, ist auf Youtube zu finden, und der Enthusiasmus, mit dem Bernstein da den dritten Satz von Mahlers erster Symphonie erklärt, ist hinreißend.

Eine Mischung aus Erklärbär und Enthusiast ist auch Valery Gergiev. Da fallen Sätze über das "Unglück", das die Instrumente erleiden, wenn sie im Pizzicato wortwörtlich gezwickt würden. Deshalb solle das Pizzicato bei Bruckner bitte "dolce", also süß, gespielt werden. "Jeder mag Süßes", ist seine einfache Schlussfolgerung.

Natürlich kann er auch anders, er kann wunderbar über das Mysteriöse und Spirituelle bei Bruckner sprechen, kann auch wunderbar erklären, warum man als moderner Musiker die Traditionen der Musikgeschichte so genau kennen muss. Doch wenn es darum geht, an was er arbeitet, dann pflanzt er kleine, leicht zu verstehende Details ins Orchester, die erst im großen Ganzen der Aufführung aufblühen.

Münchner Philharmoniker Ein Konzert mit Putin
Philharmoniker

Ein Konzert mit Putin

Valery Gergiev vereint die Münchner Philharmoniker mit dem Sankt Petersburger Mariinsky-Orchester zu einer Art Super-Klangkörper. Wladimir Putin nutzt dieses Freundschaftsspiel zu einem Auftritt am Rande.   Von Rita Argauer

Früher drang von den Proben eines Orchesters fast gar nichts nach draußen. Die großen Dirigentengestalten des 20. Jahrhunderts präsentierten sich ja gerne als zaubernde Zeremonienmeister. Da wäre es kontraproduktiv gewesen, die Entstehung des Werks zu zeigen. Doch der Blick in eine Probe erleichtert den Zugang. Und diesen Zugang muss die Klassik-Szene in den kommenden Jahren sowieso enorm verbreitern, damit das System, das ein neues Publikum brauchen wird, bestehen kann.

Üben gehört essenziell zum professionellen Musizieren dazu. Doch Üben ist auch immer etwas Privates. Die Fehler macht man unter Ausschluss der Öffentlichkeit, dem Publikum präsentiert man Makellosigkeit. Nur ist das jüngere Publikum, das als potenziell nachwachsendes Publikum für klassische Konzerte herhalten muss, gar nicht so interessiert an Makellosigkeit. Da ist man es gewohnt, Einblicke zu bekommen, weil verwöhnt von einer Social-Media-Ästhetik, die diese vermeintlich privaten Eindrücke ständig suggeriert.