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Münchner Momente:Zeit für neue Schätze

Überall beginnt der Frühjahrsputz, das sollte man sich nicht entgehen lassen. Es ist die Gelegenheit für eine ganz besondere Tour de Munich

Jetzt, da die Temperaturen wieder in zweistellige Gefilde klettern, weiß der Homo sapiens hygienicus: Es ist wieder Zeit für Frühjahrsputz. Zeit, das Bad noch heller zum Leuchten zu bringen als Jürgen Klopps neue Beißerchen. Gelegenheit, so viel Staub hinaus auf die Straße zu fegen, dass man, wenn überhaupt, nur noch mit Gummistiefeln durchwaten kann. Wer sich mit dieser gesellschaftlichen Errungenschaft schwertut, findet Tipps im Internet: Checkliste machen! Systematisch vorgehen! Von oben nach unten putzen! Ausreichend Zeit einplanen! Musik einschalten! Auszeiten nehmen! Mehrere Tage einplanen! Die kathartischen Imperative des Frühlings könnten deutscher nicht sein.

Wer dem kollektiven Ausmisten quasi via Live-Ticker zuschauen möchte, muss nur die "Zu verschenken"-Rubrik einer bekannten Online-Plattform aufrufen. Im Minutentakt laufen die ausgegrabenen Schätze der zum Daheimbleiben verdammten Münchnerinnen und Münchner ein. Kronkorken, Kiefernbetten und Krücken ("nur kurz benutzt"), Wasserkaraffe, Wimpernzange und Weltatlas, Mixbuch, maltesische Mitteldecke und Maus ("wollte meine Katze nicht mit spielen"). Auf dem digitalen Flohmarkt bleiben keine Wünsche offen. Zu den Highlights zählen leere Joghurteimer, ein Johannisbeerbusch zum Selbstausgraben - und eine Baustellentoilette, inklusive Klopapier, dem Gold dieser Tage. Übergabe: kontaktlos, versteht sich.

Wer gewitzt ist, macht jetzt eine Tour de Munich: Erst nach Aubing, zum Früchtebusch, das sichert die autarke Nahrungsversorgung. Weiter nach Neuhausen, dank grüner Tafeln fällt im Heimunterricht keine einzige Stunde mehr aus. Der Standventilator aus Sendling kann einen auch in den eigenen vier Wänden durchlüften. Gebetswürfel aus der Maxvorstadt und das "Mensch ärgere dich nicht"-Trinkspiel mit Schnappsbechern statt Figuren halten den Haushalt bei Laune. Falls das nicht hilft: Mit einem Tischkalender aus Pasing von 2019 lässt sich einfach die Zeit zurückdrehen. Der größte Coup wartet indessen in Freimann, eine Frau bietet dort ein Fernhaltespray an. Ein Schatz, der auch noch der nächsten und übernächsten Verlängerung der Ausgangsbeschränkungen hämisch ins Gesicht lacht: Das Spray ist bis September 2025 haltbar.

© SZ vom 01.04.2020
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